Als Eurasius Parenzo an einem dunstigen Septembermorgen des Jahres 521 in Lido di Venezia den Katamaran "Merchant of Venice" bestieg, um an der istrischen Küste sein Glück als Vertreter für Gebetsmühlen zu machen, wußte er noch nichts von der großen Bedeutung, die sein Name einmal für die weite Landmasse zwischen Kanalküste und Kamtschatka haben würde. Er landete in einem namenlosen Fischerdorf, in dem ein Völkchen hausierender Viehzüchter lebte, das mit Marderfellen handelte.
"Das sind gute Menschen", sagte sich Eurasius und ließ sich nieder. Schon nach kurzer Zeit hatte er sämtliche Bewohner des Ortes bis hin zum frischgeborenen Säugling mit seinen Katholizismusblastern versorgt und sich mit den dafür eingeheimsten Marderfellen, die er an die gelegentlich vorbeisegelnden Venezianer vertickte, einen gewissen Wohlstand verschafft. Immer wenn die Dorfbewohner nun seiner ansichtig wurden, verfielen sie in ein gebetsmühlenartiges Wiederholen seines Namens. "Parenzo, Parenzo, Parenzo", ertönte es, sobald er die Via Decumanus entlangschlappte, weshalb das Fischerdorf bei den Venezianern auch bald Parenzo hieß.
Eurasius aber war das gar nicht recht, und er sagte sich: "Ich muß die Leute auf neue Gedanken bringen. Wenn sie schon beten wollen, muß eine Kirche her." Doch die Dorfkasse war leer, und die Venezianer rissen sich schon lange nicht mehr um Marderfelle.
Eurasius beschloß, loszuziehen und auf eigene Faust Geld aufzutreiben. Die Oströmer waren reich, aber er hatte keine Ahnung, wo das lag - Ostrom. Er lief nordwärts und landete in Tergentinum, wo man ihm eine heiße schwarze Suppe namens Caffè Illyricum vorsetzte. Angeekelt ging er weiter, krabbelte den Karst hinauf, durchstreifte Wälder, zog über hohe Berge, trieb viele Wochen einen breiten Fluß hinab, bis er in ein Land kam, wo alles Datscha hieß. Ein griechisches Schiff nahm in als Rudergast auf. "Ostrom?" fragte Eurasius den Käpt'n. "Yes, yes", sagte dieser und legte ihn in Ketten. Und weiter ging es übers Meer, in einer Hafentaverne in Trapezunt entkam er seinen Sklaventreibern, wanderte monatelang eine Pipeline entlang über ein ungemütliches Gebirge und kam an ein weiteres Meer. So ging es fort und fort, und noch immer hatte Eurasius kein Geld beisammen, das er heim in seine Marderstadt schaffen konnte.
Nach vielen Jahren Wanderung durch mörderische Wüsten, mückenreiche Steppen und zuletzt durch ewige Winterlandschaften trat Eurasius an einem milden Frühlingstag - das Thermometer zeigte minus zwölf Grad - an eine Steilküste. "Hier ist das Land nun endgültig zuende", sagte er traurig. Er war mittlerweile ein betagter Mann geworden, und die Fährnisse des Wanderns und der Permafrostboden Ost-Tschuktschiens hatten ihn mürbe gemacht. Ratlos setzte er sich nieder und biß übellaunig in ein Stück Eis, das ihm ein Yogi aus dem nahen Uelen geschenkt hatte. Es schmeckte süß. Er betrachtete es genauer. In der zarten Eiskugel waren winzige Stücke eines Würzkrautes eingefroren, das dem Eis Geschmack verlieh.
Er hatte eine Erleuchtung. Nun war er bis ans Ende der Welt gelaufen, nur um eine geniale Geschäftsidee zu bekommen. Er mußte nur eine Methode erfinden, im adriatischen Klima Eis herzustellen und schmackhaft zu machen. Dann würden sie in Null Komma Nix das Geld für ihre Kirche zusammen haben.
Sofort machte er sich auf den Rückweg. Als er nach siebeneinhalb Jahren wieder in Parenzo eintraf, hatte er den Plan zu einer perfekten Eismaschine in der Tasche. Die Leute erkannten ihn zwar nicht und wollten ihn fressen. Als sie aber Eurasius' donnernde Stimme vernahmen, verfielen sie sofort wieder in ihre alten Gebetsmühlen.
"Immer noch die alten Heiden, was?" rief er. "Ich war am Ende der Welt und habe euch etwas mitgebracht, das den Ruhm und Reichtum von Parenzo begründen wird."
Über Nacht konstruierte er seine Maschine und überraschte die Dorfbewohner am nächsten Morgen mit etwas, das sie noch nie zuvor gesehen hatten: Speiseeis. Das Erstaunen war so mächtig, daß es niemand probieren wollte. Also tat Eurasius es selbst. Dummerweise bekam er davon Durchfall, von dem er sich nie wieder erholen sollte. Er starb kurz darauf einsam und verlassen, weil ihm niemand glauben wollte, daß er die Beringstraße gesehen hatte.
Die findigen venezianischen Kaufleute aber bekamen Wind von Eurasius' Erfindung und kauften sie den Leuten von Parenzo für einen Apfel und ein Ei ab. Als diese merkten, daß das Eis drüben in Italien großen Erfolg hatte, ärgerten sie sich grün und blau. Sie nahmen den Apfel und das Ei, bauten Eurasius' Maschine nach und stellten Eis her, was ihnen aber nur unzureichend gelang.
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Immerhin konnten sie aus dem Erlös ihres Apfeleises eine Kirche errichten und weihten sie dem Heiligen Eurasius.
Noch heute kann man im Mosaik der Apsis Eurasius mit seiner Eismaschine erkennen. Auch der Kontinent, über den sich in den folgenden Jahrhunderten Eurasius' Erfindung verbreitete, trägt den stolzen Namen Eurasien. Nur vom istrischen Eis kann man bis auf den heutigen Tag Bauchschmerzen bekommen. |