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...und steht es uns überhaupt an, über einen ganzen Jahrgang ein vielleicht
unumstößliches Fazit auszusprechen?
Andererseits, es gibt so hübsche kleine Wörter, die man darin unterbringen kann,
ich denke häufig darüber nach. Dann fällt mir eines vor die Füße, doch eh ich
mich's verseh, bin ich schon darauf herumgetrampelt und erkenne nicht einmal mehr
die Konturen. Erst neulich, beim Lesen eines alten, zerknitterten Taschenbuchromans
stieß ich wieder auf ein Wort. Es ging um ächzende feuchte Häuser im vorvorigen
Jahrhundert, in denen syphilitische Schriftsteller auf den Erfolg warten, während
sie sich von Mutter die Stullen schmieren lassen. Solche Männer, daran muß ich
dann immer denken, hatten bisweilen schon im Jünglingsalter sexuelle Kontakte zur
Kammerdienerin, nur waren sie nicht so glücklich oder vielmehr so unglücklich wie
Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil
ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte. Manchmal bin
ich mir schon vorgekommen wie so ein Karl Roßmann, der sich in seinem
newyorkinischen Wortgebäude verheddert, oder ich meinte einen riesenhaften Papagei
über mir schweben zu sehen, kurz bevor mir schwarz wird vor Augen. Der Gabelungen
in die Abgründe der Sprache hinein sind viele, wie ich zu sagen pflege.
Und dennoch, bei aller Liebe zur Doppeldeutigkeit - glauben Sie, mir ist dieser
widerspenstige Trumm von Wort eingefallen, nach dem ich kürzlich so verzweifelt
gesucht habe? Wäre es ein Gegenstand, ich könnte ihn Ihnen beschreiben, "knubbelig"
würde ich ihn nennen, amorph und braun, merkwürdigerweise habe ich vom Bild, das
der Klang des verschütteten Wortes bei mir hinterlassen hat, eine viel klarere
Vorstellung als von seiner Lautgestalt oder gar von seiner Bedeutung.
Sie haben mich am Ende dieses Prüfungsverfahrens nach meiner Meinung gefragt,
und Sie sollen sie bekommen, möge mir niemand nachsagen, ich sei ein alter Zauderer
oder Abschweifer, wenn mich auch eine ererbte weiche Leiste stets daran gemahnt,
mir keinen Bruch zu heben an dem, worüber ich für gewöhnlich in solchen Situationen
zu urteilen habe.
Nun ich denke, es ist summa summarum ein guter Jahrgang, den wir hier vor uns
haben. Er hat Volumen, würde ich sagen, eine schöne Farbe und von allem etwas
abbekommen: Sonne, Wind und Regen, Herbststürme, den ersten Frost. Auch von
Krankheit ist er nicht verschont geblieben, weiß Gott nicht, aber ansonsten -
chapeau! Herb, doch ausgesprochen charakterstark.
Vielleicht könnte der
neue Jahrgang noch fruchtiger und nicht so grüblerisch ausgebaut werden, sondern...
mutig, genau, das war das Wort, das ich gesucht habe: mutig! Wenn Sie verstehen,
was ich meine.
Patrick Wilden, 15. Dezember
2003
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