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Wir hatten ihn einfach vergessen, den Kniebis. Und es war schließlich nicht irgendwer - ein merkwürdiger Vogel zwar, aber unser Freund. Wir erreichten bereits die erste freudenreiche Stadt auf unserem Weg, als es Danny entfuhr: "Der Kniebis!" Ich stoppte den Wagen auf dem höchsten Gipfel der Wasserscheide, dort, wo nur noch die ewige Ruhe zerreißender Wolkenballungen herrscht, und gemeinsam blickten wir die schräge Ebene hinab, in die Sonne einfiel. Ganz in der Ferne sahen wir den Kniebis mit hochgezogenen Flügeln auf der Regenrinne sitzen und die Ebene vor sich filmen. Auf unsere Zurufe reagierte er nicht, wir waren einfach schon zu weit. Schließlich flatterte er in sein Fenster, aus dem man den Bildschirm in charakteristischem Lila flackern sehen konnte. Wir wußten, daß er nun die empfangenen Bilder mit Photoshop bearbeiten würde.

In brütender Hitze passierten wir gegen Mittag das Stadttor von Spaßburg und parkten an der Stelle, wo sich majestätisch der weiße Berg erhebt. Aber anstatt mit dem Torwächter Jura zu büffeln, trieb es uns direkt vor eine sinistre Kathedrale, wo eine Menge Volks herumlungerte und sich mit Heiligenfiguren illuminierte. Pünktlich um halb ein Uhr trat der Sensenmann aus der Uhr und fing an, von deutscher Baukunst zu faseln. Die Menge schrie freudig-entsetzt auf, und es setzte ein Spaßpogrom ein, von dem wir bisher nur in alten Traktaten gelesen hatten. Glücklicherweise entdeckte Lulu die Hintertreppe, die uns an summenden Schwalbennestern vorbei nach oben führte. So entkamen wir dem tosenden Mob, der zu unseren Füßen fröhliche Urständ feierte. Eine Weile hielten wir es auf dem Turm aus. Wir betrachteten das Treiben, während uns Danny aus dem Domkapitel vorlas. Doch als wir des kantigen roten Hauses gewahr wurden, aus dem rottenweise Menschen strömten, kleine runde Scheiben vor sich her treibend, aus denen Musik plärrte, wurde uns die Sache zu bunt.
Wir spürten Hunger und den Aufprall der Sonnenstrahlen auf unserer winterweißen Haut. Und wir dachten an unseren Freund, wie er einsam und kopfüber vor dem Computer hing. "Kniebis", rief Danny hilflos in die sengende Mittagsglut, "wo bist du?!" "Hier", krächzte eine Stimme. Das Wunder war geschehen: Wie aus dem Nichts saß plötzlich der Kniebis vor uns und erzählte von Sprudelquellen, Sägewerken und einem geheimnisvollen Supermarkt auf dem Grund eines Baggersees, den er unterwegs aus der Luft erspäht hatte. Wir hefteten uns an seine Beine, und er flatterte sicher mit uns vom Turm.


In einem umfriedeten Garten unweit der Kathedrale setzten wir auf. Minze wucherte in den Ecken, Enten quakten dösig, und der Duft aller Blumen Asiens lag in der Luft. Von ferne schlug das Brüllen eines Schulhofs an unser Ohr. Aus einem schiefen weißen Knusperhäuschen roch es nach gerolltem Frühling, und der Speichel schäumte noch in unserem Mund, während sich über unseren Mündern schon belgische Bierflaschen öffneten. Die Idylle dauerte eine kleine Ewigkeit.
Nach dem zweiten Kaffee sank die Sonne, aber als die hungrig gewordene Meute aus der Stadt unseren Hortulus stürmte, waren wir schon längst wieder über den Berg.




Patrick Wilden, 24. Mai 2003




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