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Kürzlich verschickte ich ein Buch mit rotem Einband in die
USA. Ich kritzelte vergnügt die paar Brocken Französisch auf
den Briefumschlag, derer es bedarf, um ein Buch zum günstigsten
Tarif zu verschicken - denn was manche nicht wissen mögen:
Frankreich hält linguistisch noch immer das Postmonopol -, und
wartete ab. Für ein echtes "omelette surprise" schickt es sich
nämlich nicht, irgendwelche Ankündigungen zu machen. In den
buntesten Farben malte ich mir aus, wie meine Freunde, das
Rauschen des Pazifiks im Ohr, von der Arbeit nach Hause kommen
und ein Päckchen mit einem roten Buch, noch dazu in der
altvertrauten Sprache, im Postkasten finden würden.
(Ich gestehe, ich bekomme selbst gerne unverhofft Buchpakete
zugesandt, die ich auf der Stelle zu verschlingen pflege.)
Also wartete ich kreuzbrav darauf, daß bei mir in Europa ein
Zeichen eintreffe, und wenn es nur ein schwarzweißer
Lagerfeuerrauch aus einem John-Ford-Western wäre.
Aber nichts dergleichen geschah. Nach ein paar Monaten wurde ich ungeduldig.
Ob dem Buch etwas zugestoßen war? Vielleicht war die
Eisenbahnverbindung wegen der Indianerüberfälle bei El Paso
del Norte noch nicht wieder hergestellt. Oder hätte mich die
Stelle in der Post-Infobroschüre stutzig machen sollen, nach
der die Beförderung zum günstigsten Tarif "auf dem Landwege"
vonstatten gehen sollte? Womöglich war man gerade erst dabei,
zwischen Finisterre und Cape Cod einen Fahrdamm aus feinstem
texanischem Spannbeton aufzuschütten?
Also schrieb ich eines Abends meinen Freunden eine Mail und
erhielt wenige Augenblicke später - bei ihnen war gerade erst
die Sonne aufgegangen - die resignierte Antwort, daß kein
Päckchen eingegangen sei, ja, daß die einzige Post, die sie in
den letzten Monaten erhalten hatten, eine Aufforderung von
Arnold Schwarzenegger zur Spende von Kieferknochen und
platingehärteten Waschbrettbäuchen gewesen sei. Das machte mich
trüb und gram, aber ich beschloß, mich noch einmal in Geduld
zu üben.
Nach einigen weiteren Monaten erhielt ich eines Tages eine
merkwürdige Mail von meinen Freunden. Sie schrieben etwas von
einem stark amorphisierten Gegenstand, der ihnen von Amts wegen
zugestellt worden sei, welchen man, da der Einband völlig
zerstört gewesen sei, nur mit viel Phantasie noch als ein Buch
habe erkennen können. Besonders spannend fand ich den Auszug
aus dem Bericht der Bundespolizei, den sie dazu erhalten hatten.
"Nachdem Sergeant Winston D. Pepper", hieß es da wörtlich
übersetzt, "den verdächtigen Gegenstand von allen Seiten
genauestens durchleuchtet hatte, kam er aufgrund der chiffrierten
Beschriftung zu dem Ergebnis, daß es sich um eine hochgradig
verseuchte, terroristische Sendung aus Alteuropa handelte.
Darauf wurde die Staplerfahrerin Rosario C. Greenschnitt
gerufen, die den Gegenstand mit ihrem Fahrzeug einundzwanzig
Mal überrollte, bis Sergeant Pepper meldete, daß jegliche
terroristische Ausstrahlung ausgeschaltet sei."
Ich ließ den Mund noch eine Weile offenstehen, nachdem ich das
gelesen hatte. Doch dann kehrte ich zu meinem üblichen
Pragmatismus zurück, erwarb das Produkt im örtlichen Buchhandel
ein zweites Mal und gab es in die Post nach Kalifornien -
dieses Mal zum Normaltarif und ohne französischsprachige
Kennzeichnung. Schon wenige Tage später war es unversehrt
angekommen.
Ich atmete auf und beschloß, mich umgehend beim
europäischen Gerichtshof für Menschenrechte dafür einzusetzen,
daß die internationale Verkehrssprache der Post in Englisch
umgewandelt wird.
Patrick Wilden, 2. April
2004
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