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Ich wußte nicht so recht, worauf ich mich da eingelassen hatte. Ein unbekanntes Kino in einer unbekannten Kleinstadt, das kann so charmant wie strapaziös sein. Weiß man doch nicht, in welcher Sprache der Kartenabreißer zu einem sprechen wird, die Luft des kurz vor dem Polenfeldzug zuletzt gelüfteten Saales riecht nach Cheopspyramide, und was passiert, sobald wir uns in die mit rotem Sammet bezogenen Klappsessel haben fallen lassen, kann sowieso keiner abschätzen.
Es kam, wie es kommen mußte. Nachdem ich mich in das beinfreundliche Sitzmöbel eingespannt hatte, flimmerte zunächst die von den örtlichen Großbetrieben gesponserte Diashow über die Leinwand, wovon sich auch die nachfolgenden bewegten Werbebilder kaum abhoben. Einzig, daß die Lichter irgendwann vollends gelöscht wurden, gemahnte daran, daß nun der Hauptfilm beginne. Ein Gong erklang in süßlichem Vibrato, Film ab.
Das Programm versprach eine schwarze Familienkomödie im adlig-bourgeoisen Milieu. Und die ging so: Die beiden Dynastien der von Schloths und der Kabrolls, die sich schon seit Jahrhunderten die Macht in dem niederfränkischen Kleinstädtchen Verkeldonck teilen, besitzen von altersher das örtliche Monopol auf Schnittblumen und Tabakspfeifen. Mal sind es die von Schloths, die die Blumen ernten, während die Kabrolls die Köpfe qualmen lassen, mal ist andersherum. So weit, so langweilig.
Aber da gibt es ja nun den intriganten Familientyrannen Agamemnon von Schloth, der Gertrude Kabroll begehrt. Und gleichzeitig liebt der windige Klaudius Kabroll Klytemnestra von Schloth. Das ist nunmal verflixt, und klassischerweise können sie in diesem Milieu zueinander nicht kommen. Aber wir sind ja im Kino. Das Duo Agamemnon-Gertrude ertrinkt bei einem Flugzeugabsturz auf dem Rückflug von ihrem heimlichen Domrep-Urlaub, und fortan leben Klaudius und Klytemnestra glücklich als Ehepaar von Schloth-Kabroll miteinander.
Alles wäre einfach, gäbe es da nicht noch Karl, Klaudius' Sohn, und Klytemnestras goldige Tochter Elfi. Kalle will endlich mehr Pfeifenköpfen böse Blumen verkaufen. Außerdem steckt er Seinen bei Elfi schon rein, seit er dreizehn ist. Sanktioniert wird diese Liaison übrigens von der gemeinsamen Großtante, die auf eine düstere Vergangenheit bei der lettischen Legion zurückblickt.
Die Sache schwelt so lange vor sich hin, bis der geile Klaudius Elfi begrapscht, die ihn daraufhin mit der Bratpfanne niederstreckt. Und mit Arsen und Spitzenhäubchen feiert die Familie die gerade stattfindende Bundestagswahl, während die Leiche im Keller vor sich hin müffelt. Ist doch easy, oder?
Der Abspann begann, und das vergreiste Publikum begann eilig, die Lokalität zu räumen, nicht ohne dem regieführenden Altmeister Kußhände zuzuwerfen. Verstört grub ich mich aus meinem Kinositz und begab mich zurück nach Hause, um so lange Espresso zu trinken, bis die Magie des Erfahrenen auf mich wirkt.
Nur ganz allmählich kehrt die Ruhe in mein Leben zurück.



Patrick Wilden, 31. August 2003




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