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jour fixe

Wo sie wohl stecken, fragst du dich, nicht wahr? Die Poeten dieser Stadt.

Die Lebenskünstler, die dem Volk auf sein Maul schauen, während sie mit ihrer Brut auf den Bolzplätzen der Kindergarten-Kickers abhängen, den Schnittstellen autoreproduktiver Suggestion im Zeichen globaler Volkswohlfahrt, wie Vladimir Èsban das nennen würde.
Na, es bleibt nicht aus, daß man derartige Sprechblasen platzen läßt, wenn man mit Vladimir Èsban spricht. Sah ihm neulich an der Bahnhofshaltestelle beim Futtern eines Chickendöners zu und fragte mich die ganze Zeit, wie er, der Nichtgermanist ohne Gleiserfahrung, wohl über die Verwendung des Genitiv-S denken muß. Er schien meine Gedanken erraten zu haben, denn ohne daß ich ihn erst ankurbeln mußte, leierte er mir sämtliche Halte zwischen Lichtenberg, Lichtenhagen und Lichterfelde herunter, gefolgt von einer kurzen Erörterung des Farbspektrums eines Weihnachtsbaums in der sterbenden Sowjetunion.
Tjaha, das sind die wahren Poeten, sage ich dir. Sie können kein Bier bezahlen, sondern müssen Schrippen ziehen beim örtlichen Hausbäcker, weil ihnen die Amtssprache nicht flüssig über die Lippen kommt. Sie tragen abgewetzte Ärmelschoner über ihren knittrigen Wintersakkos und kaufen die Rezepturen ihrer Kaliningrader Klopse matritzenfrisch von der Budapester Nudelpresse. Und am Ende, wenn sie den letzten Containerfrachter seiner Last enthoben haben, legen sie sich am Westhafen unter einen Stoß alter Zeitungen und träumen vom seligen Leben in einem Land vor unserer Zeit.

Das sind sie, die wahren Poeten dieser Stadt, ich konnte es ganz deutlich von Vladimir Èsbans Augen ablesen. Sie fahren den ganzen Tag mit der S-Bahn umher, schmökern in würdigen Boulevardblättern über vorkritischen Nationalismus und durchstoßen mit einem einzigen Blick die Brandmauern am Nordbahnhof auf der Suche nach ihrem Spiegelbild. Schließlich, wenn sie nur noch ein dünstendes alkoholisiertes Autowrack sind, lassen sie sich von einer tief ausgeschnittenen Barbedienungsfachkraft abschleppen, die ihnen in vollendetem Serbokroatisch ins Ohr säuselt, was ihnen Herz bis zum Halse schlagen läßt:



Patrick Wilden, 17. Februar 2004

 

 



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