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Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, daß Ihre Umgebung zu Übertreibungen neigt? Zur unangemessenen Überspitzung und Verzerrung der Wirklichkeit, ja zur schamlosen Lüge? Die Medien sind daran schuld, glauben Sie mir, im flimmernden Computerbildschirm, im gedruckten Wort ist nichts so, wie es scheint. Und darum sollten wir uns um Wahrheit bemühen.

In der Metropole Frankfurt fand jüngst eine große Messe statt. Eine Messe des Buches war es, aber nicht irgendeines Buches, nein, in Frankfurt wurde das Buch schlechthin gefeiert, das Buch als gebundene Urbanität, das wahre, das einzige Buch, gespendet von der Buchfee. Ein komplizierter Kultus.
Stellen Sie sich vor, Sie wären dort, in Frankfurt. Die Strahlen der untergehenden Sonne durchstoßen mit Wucht die gekrümmten Vitrinenfenster der hoch über dem Erdboden schwebenden Galerien der Kathedrale, wo die Messe abgehalten wird. Geschlagene acht Stunden schon dienen Sie als Priester des geschwungenen und gewundenen Wortes an einem der Nebenaltäre dieses vielgliedrigen, reichhalligen Domes, der die zahllosen Beter in den schier endlosen Darmwülsten seiner Neben- und Seitenschiffe mit trüber Luft und künstlichem, grauem Licht bestreut. Hier finden in unzähligen Opfern die wahren Foren des Gebets, der Kontemplation, die vielzüngigen Predigten glühender Propheten statt. Das Abendlicht dringt nicht bis hierher, das echte Licht scheint nur draußen auf den Galerien, wo würdevolle Gestalten über den wahren und einzigartigen Büchern hocken und ihre Griffel schwingen.
Lange schon grummelt es in Ihrem Magen, doch wagen Sie nicht, mit den Kollegen von den Nachbaraltären zum Essen zu gehen, denn noch ist das Opfer nicht vollbracht. Die zahllosen Feuer lodern weiter, der beißende Rauch der brutzelnden Buchrücken, Lesebändchen und Buchblöcke durchzieht die Hallen. So zahlreich wie nie ist das Volk der Gläubigen zum Opfer der Buchfee gekommen, stets bringt es neues Papier für die Flammen. "Book Fairy!" dröhnt es, ganz global, in Chören. "Book Fairy, Book Fairy!"
Sie haben schon richtig Buchweh von der Buchfee, doch noch ist die goldene Oktobersonne nicht ganz gesunken, sondern bescheint den Hohepriester, der auf seiner Tribüne die gigantische Symphonie des Lesens auf der Klaviatur eines schmalen Schreibcomputers orgelt. Zwischen Hochhäusern aus Büchern ragt der Hauptaltar empor, auf dem die blonde Lichtgestalt thront, zu ihren Füßen die Leichen von Flyern und Broschüren, die der Reißwolf zerbissen hat.
Schon nähert sich der obere Rand des sinkenden Tagesgestirns dem Horizont, da erhebt sich der Hohepriester gravitätisch und ruft über das Volk der Beter und Priester hinweg mit martialischer Stimme: "Kreuzigt sie! Kreuzigt die Buchfee! Holt Bohlen herbei und nagelt sie fest! Und ehret den Reibach!"
Die Kreuzigungszeremonie. Sie wissen, der Höhepunkt des Tages ist überschritten. Mit der Zelebration des Reibach-Kultes endet die Messe für heute, und wie auf Kommando strömt das wuselige Volk der Beter zur Vierung unter dem Messeturm. Das Feuer Ihres Altars erlischt allmählich, sie nehmen mit den Messedienern noch ein Schlückchen Wein, La Poire aux Livres, Jahrgang '99, und streben dann endlich aus der Kathedrale heraus, um ein paar lachende Wiener Würstel mit Senf zu opfern.

Und das ist die Wahrheit.



Patrick Wilden, 13. Oktober 2003




 
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© 2003 Kultura (alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Küstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar.)
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