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Sagen wir: ich träume.

Ich sitze in einem Kleinwagen mit stumpfem Heck und düse über die Autobahn. Es ist Nacht, Dunstwolken wechseln zwischen den Waldstücken zu beiden Seiten der Strecke, und es beginnt zu regnen. Im Radio laufen undeutlich Berichte über Truppenbewegungen, die Sprecher wechseln sich ab in ihrem professionellen Radiosprechersingsang, werfen einander Fragen und Antworten wie Pingpongbälle zu - nach harten, aber gerechten Regeln, die in meinen gnadenlosen Zuhörerohren jeden Patzer oder Versprecher sogleich in die Nähe der Disqualifikation rücken. Aber ich höre nicht genau hin.
Die Autofahrt zu ebener Erde überschlägt sich vor Langeweile. Vor mir scheren in wildem Wechsel Fahrzeuge aus, ziehen über drei Spuren hinweg von rechts nach links, von links nach rechts. Ihre roten Rückleuchten verschwimmen in der von Regenwasser überlaufenden Scheibe, durch die ich - beide Hände schwitzend ans Lenkrad gepreßt - ihrem Tanz zusehe, während ich im Rückspiegel lange Perlenfäden weißer Lichtkörper an mir vorüberziehen sehe. Sie verwandeln sich vor meinen Augen in neue rote Lichtkügelchen, die hin- und herhüpfen. Zu alledem plärrt das Radio seine monotonen Berichte über Truppenstärken, Nachschublinien und abstrakte Raketenangriffe.
Es wird gebirgiger - und langsam wandelt sich das Bild. Im dreidimensionalen Raum bekommt die vom Regen verwaschene Nacht einen unverwechselbaren Grünstich. Zugleich bemerke ich, daß neben meinem Lenkrad - das übrigens nur noch aus zwei geschwungenen Holmen besteht, an denen in Höhe der Zeigefinger rote Knöpfe angebracht sind - ein Radarbildschirm samt Nachtsichtmodul flimmert. Der Radioton ist dem hektisch rauschenden Gemurmel von Funksprüchen gewichen. Vor meinen Augen irrlichtern in Regenbogenfarben Diodenstränge, mit Bedeutungen scharf wie ein Tomahawk. Plötzlich tutet ein Alarmsignal los, und der Autopilot wirft mein dahinschießendes Gefährt aus der Flugbahn einer Boden-Luft-Rakete.
Ich begreife die Situation. Tragflächen und Heckflosse vibrieren im Luftwiderstand. Halb unter mir wälzen sich die roten und weißen Lichterketten behäbig über imaginäre Hügel, die roten mit mir, die weißen gegen mich.
Ich lasse die Triebwerke dröhnen, greife die Steuerknüppel fester. Ein letzter Blick gilt dem Foto meiner Heimat, das im ovalen Zierrahmen über den Armaturen haftet. Hell und klar klingt mir der Befehl in den Ohren, ich weiß, was ich zu tun habe, und krümme die Zeigefinger. Die ersten Blitze, die die weiße Lichterkette in Unordnung bringen, lassen mich noch kalt. Doch je näher ich dem Geschehen komme, desto tiefer atme ich die Gewalt, die vor meinen schweißbrennenden Augen entflammt, nur wenige Augenblicke trennen mich noch vom gleißendsten aller Augenblicke...

Ich fahre hoch, noch immer vibriere ich von den vielen Autobahnkilometern, die ich gerade hinter mir habe. Ich schalte die Snooze-Funktion meines Radioweckers aus und lasse mich zurück aufs Kissen fallen. In der Stille der Nacht halte ich die Luft an - nicht einmal der Herzschlag ist zu hören.




Patrick Wilden, 31. März 2003




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