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Die Wolken hängen tief, erste Tropfen fallen bereits. Professor M. ist im Netz. Der Zugang kostet ihn mit seiner Netzkarte keinen Cent, darüber muß er gelegentlich schmunzeln. Noch dazu ist Sonntag und auf der Schiene nicht soviel los. Er hat sich einen Packen Klausuren mitgenommen, die er schon längst durchgesehen haben wollte. Aber die letzten Wochen waren mit Konferenzen angefüllt, mit Gastvorträgen auf Pidgin English und Audienzen bei der Kurfürstin.
Er macht sich über den Packen her. Gelegentlich saugt er an seinem Pfeifchen und blickt prüfend in die Runde. Die Verbindung ist gut, first class versteht sich: von G. kann er sein Ziel T. über F. und S. in kürzester Zeit erreichen. Das häufige Umsteigen regt ihn nicht mehr auf, mit seiner Netzkarte hat er schon viel erlebt. Ein Kundenbetreuer surft vorbei, während Professor M. Notizen an den Seitenrand malt, Korrekturen, Annotationen, Konnexionen.
Ich stehe derweil im Internetcafé der zugigen Bahnhofspassage von T. und hacke mir auf der ausgelatschten Tastatur eines Uralt-Computers die Finger wund, um eine Verbindung zu Professor M. herzustellen. Ich will auch ins Netzs, schließlich liegt meine Klausur in seinem Stapel. Und er würde mir nie verzeihen, wie ich den Evangelisten behandele. Wenn ich nur eine Ahnung hätte, wo genau er in diesem Augenblick im Netz zu orten ist. Aber die Netzkarte läßt mich im Trüben fischen, je mehr ich mit den Fingern über die Tastatur rase. Ich probiere es mit dem Mobiltelefon, aber das einzige, was ich erhalte, ist die Auskunft "Netzsuche".

Währenddessen sitzt der Evangelist M. in seiner Schaluppe auf dem See und denkt nach. Die Sonne knallt herab, M. hat unter seinem Strohhut die Stirn in Falten gezogen und blickt in den flimmernden Dunst. Im Gegensatz zu mir hat er das Netz immer fest am Bugspriet vertäut. Eine Netzkarte hat er dazu nicht nötig, das wär ja noch schöner. "Mit dem Himmelreich ist es ja eigentlich wie mit einem Netz, das man ins Meer wirft, um Fische zu fangen", denkt er so vor sich hin. "Sobald es voll ist, ziehen es die Fischer ans Ufer. Sie setzen sich und lesen die guten Fische aus. Die schlechten schmeißen sie weg." Als alter, erfahrener Fischer bevorzugt er das klassische Senknetz für seine Fänge. Mit diesen neumodischen Netzarten will er erst gar nichts zu tun haben. Für Reusen und Netzfleete sind seine Fische zu langsam, und Zuggarne waren ihm, dem behäbigen Causeur, der sich immer mit einem Menschen umgibt, schon immer zuviel Arbeit.

Mittlerweile hat Professor M. sein Ziel T. erreicht. Die Pfeife qualmt in seiner Jackentasche, während er in der Bahnhofspassage seinen Espresso schlürft und die Sonntagszeitung überfliegt. Die Hälfte der Klausuren hat er geschafft, die andere erwartet ihn auf der Rückfahrt. Es wird Zeit, aufzubrechen, denn er will sich nicht weiter aufhalten. Er erhebt sich, zahlt und läuft zielstrebig zu seiner Verbindung zurück nach G.
Endlich geht er mir ins Netz. Ich benutze für solche Fälle gewöhnlich ein primitives Zugnetz, das sich von selbst zusammenzurrt, denn es läßt dem Gefangenen keine Möglichkeit, sich auch nur zu rühren. Der Professor murrt in seinem Pferch, ich reiße die gottlob noch unkorrigierte Klausur aus seiner Mappe und tilge auf einen Streich die Passage über den Evangelisten. Dann lasse ich den Professor zu seinem Zug laufen. Er wird ihn schon nicht verpassen.
Mit Macht tritt nun die Sonne hervor, und in der plötzlich wabernden Hitze denke ich daran, im See Genezareth noch eine Runde schwimmen zu gehen.




Patrick Wilden, 13. Mai 2003




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