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Die Zeiten sind hart, auch für die Kolumnisten, die so
säulenheilig verträumt auf ihren Hochsitzen hocken und den Rüssel
in den Wind halten. Zur Zeit erschnuppern sie aber nur Weihnachtsmärkte,
der Advent wirft seine Kerzenschatten voraus, und zu alledem
weint der November sein Winterleid tüchtig aus.
'Zeit für den Außeneinsatz', dachte ich neulich, als ich die
Anzeige des Militärischen Ablesedienstes (MAD) in der Zeitung
fand. Die Jungs von der Behörde suchen Kerle, die mit Taschenlampen
in Kellergewölben die Wanzen überprüfen, damit sie keinen
Stromschlag oder Wasserschaden abkriegen. Sonst kann nämlich der
Schutz der Volksseele vor feindlichen Übernahmen nicht mehr
gewährleistet werden, wie das dann heißt.
'Endlich eine Aufgabe', sagte ich mir, nachdem ich meinen
Marschbefehl und eine Taschenlampe zugeschickt bekommen hatte,
setzte ich mich ins Auto und fuhr in die target zone,
einen kleinen Ort namens Spackenberg am Fuße der Schwäbischen
Schweiz.

Dort stellte ich den Wagen dicht neben der Kirche ab. Es war
ein grauer Novembermittwoch, und ich begann umgehend, wie es
in meinen Anweisungen stand, im unauffälligen Steigerlook in
die Souterrains der hutzeligen Häuschen vorzudringen. Das war
nicht eben leicht, denn die Menschen auf dem Land sind -
zumindest in der Regenzeit - von tiefem Mißtrauen gegen jegliche fremde
Regung am Platze ergriffen. Als angelernter Agent konnte ich
jedoch das "Sesam öffne dich", mit dem ich das grämliche Volk
von Spackenberg becircen sollte, so beherzt über die Lippen
bringen, daß mir bald alle Türen offenstanden.
"Kommensle 'neile", hieß es allerorten, "habensle 'n Lämple?"
Und mehr als das. Die Witwe Spacconelli steckte mir bespielsweise
ein Limetten-Zimt-Massada zu, der greise Reichsfreiherr Rigobert
von Spacko-Eisenthräger schenkte mir einen original kantianischen
Dukaten, und von der Metzgerei Bärenspack erhielt ich eine
zünftige Wildsauenwurst zur Brotzeit.
Alles lief prächtig, bis ich an Erna Komsomolsperger geriet.
"Grüßle Göttle", zwitscherte ich fröhlich, "Firma Reiskorn &
Reiskorn, Wasserstand und Strom zählen!"
Ein Haß sprühte aus ihren Augen, der mich zurückschrecken ließ.
Ich faßte meine Taschenlampe fester und beschloß, besonders
vorsichtig zu Werke zu gehen.
Zunächst war es ein Kinderspiel. In ihrem lichtlosen
Untergrundbiotop konnte ich die Wanzen an den Wänden gut
anfunzeln, sie krabbelten gemütlich um
und herum
und sorgten sich um den Nachwuchs.
Doch dann öffnete Erna Komsomolsperger eine Tapetentür und
sagte schneidend:
"Bei Djugaschs Willi aber auch ablesen."
'Na gut', dachte ich, 'einmal ist keinmal', und begab mich auf
die Pirsch. Ich schlich in völliger Dunkelheit ein Treppenhaus
entlang und wagte nicht, meine Stimme zu erheben, weil ich die
Fledermäuse nicht wecken wollte. Plötzlich sagte eine Stimme
dicht neben meinem Ohr:
"Das gibt's ja wohl nicht!"
Ich schrie auf und leuchtete in ein gerötetes Männergesicht mit
stahlgrauem Haaransatz und einem breiten Seehundsschnurrbart,
das mich überlegen anfunkelte.
"Inflagranti", sagte der Mann strafend und entriß mir die Lampe.

"Nein!" rief ich und rupfte in heller Panik meinen MAD-Ausweis
hervor. "Ich war's nicht, ich war's nicht..."
Doch das einzige, was ich noch vernahm, war ein teuflisches
Lachen und das Zuschlagen einer schweren Eisentür.
Seither habe ich es mir angewöhnt, nur noch in fremden Kellern
herumzustapfen, wenn ich den Eindruck habe, daß mir dabei
ein Licht aufgeht.
Patrick Wilden, 28. November
2003
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