Das wolltest du doch schon immer, einmal den Chef spielen. Gib es zu: Du wolltest die versammelten Langweiler und Piefkes rings um dich her mal so richtig springen lassen, so ganz nach Pläsier.
Und ich sage: Na gut, no problem. Los geht's!
Ein eigentümliches Gefühl überkommt dich, wenn du plötzlich auf der Tribüne stehst und die Parade abnehmen mußt. Du bist jetzt ein Staatsmann, ein echter Führer mit steifem Kragen.

Hinter dir, neben dir, vor dir stehen Männer in Uniform, deine Prätorianergarde, die dich nicht herunterläßt vom Treppchen.
Hast du Angst vor ihnen, vor ihren Orden, ihrer scharfen Sprache? Sie verziehen keine Miene, das hast du ihnen verboten in einem launigen Moment. Also mußt du ihnen mit gutem Beispiel vorangehen.
Laß dich nicht irritieren, schau erst mal vor dich auf den Platz, was da so passiert.
Dort steht das Volk, über das du befiehlst, dir zu Füßen. Das Volk blickt zu dir auf. Das Volk vergöttert dich. Das Volk marschiert, jeder Paukenschlag ein Schritt, jeder Schritt eine Marschfigur, jede Marschfigur eine Formation. Das Volk marschiert nur für dich, endlich bist du am Ziel deiner Träume.

Aber bedenke auch, wie das Volk für dich geschuftet hat, wie es entbehrt und geboren hat zum Lob und Ruhm deines Landes, deiner Partei, deines Systems.
Überleg dir genau, was du nun tust. Tu, was dein Name dir eingibt, sei lieb zum Volk, denn es schaut auf jeden einzelnen Finger, den du an die Schläfen hältst, um es zu grüßen.
Da stehen sie, die Formationen, Armeekontingente und Arbeiterbrigaden. Abgezirkelt, nach einer Choreographie aufmarschiert, die Ihresgleichen sucht auf der Welt. Wohin werden die Panzerfäuste wohl schießen, die der Trupp da links präsentiert hält?
Du weißt, wenn sie dort einmal stehen, wenn sie sich einmal so sehr entleibt haben, daß sie sich für dich zu Karrees, Staffeln, ja zu Schriftzeichen formieren, dann hast du sie in der Hand.
Na, wirst du nun übermütig?

Der Oberkommandierende schreit etwas in die vor ihm aufgebauten Mikrophone. Was sagt er wohl? Sprichst du überhaupt seine Sprache? Verstehst du eigentlich das Volk, das dich anbetet?
Fanfaren erklingen, die Marschmusik setzt wieder ein, und es kommt Bewegung in die Truppe. Das große Defilee beginnt, du mußt die ganze Zeit salutieren, während dir dein Attaché mit dem schlechten Atem die Truppenteile zuflüstert. Zu allem Übel fängt es jetzt auch wieder an zu regnen.
Der Lärm steigt dir zu Kopf, aber jetzt nur nicht wanken, da mußt du durch, das bist du deinem Volk schon schuldig, schließlich hast du es ja in der Hand.
Plötzlich merkst du, daß dein Leben fad geworden ist. Ob das der ewige Regen ist? Nun steht der ganze Platz voll mit gedrillten, nach deinem Bilde geformten Menschen, das Millionenheer zu deinen Füßen bildet mit seinen Körpern eine Lobeshymne auf dein Land, deine Partei, dein System.

Kann es sein, daß du ihnen mit all deiner Macht noch nicht einmal Farbe verleihen kannst?
Ich sitze derweil auf der anderen Seite des Bildschirms und bin froh, daß ich nicht in deiner Haut stecken muß.
Patrick Wilden, 17./30.
April 2003
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