Es war so ein kreuzverflixter Tag, "one of these days", wie New Yorker Friseure zu sagen pflegen.
Virulenta Valge hatte bereits morgens beim Zähneputzen ein Haar in der Bürste gefunden. Es sah zunächst aus wie eine verlängerte Borste, doch diese sind im allgemeinen nicht graublond. Angestrengt überlegte sie während des Frühstücks, wie sich das leicht gekräuselte Eiweißprodukt in ihrem Zahnkamm verfangen haben konnte - von ihren zahlreichen Liebhabern benutzte niemand Blend-a-med -, als die Müslischüssel zwei weitere fadendicke Haarstücke aufwies: braunschwarz und weißblond schwammen sie auf der kakaofarbenen Brühe, in der sie ihr morgendliches Vogelfutter ertränkte. Noch im stummen Entsetzen darüber befangen, wer diese scheußlichen menschlichen Auswüchse dort verloren haben konnte, entdeckte sie gleich vier Haare, die am Honigglas klebten. Virulenta Valge ahnte, daß dieser Tag übel enden würde.
Der große Frust kam, als sie mittags ihre Wassersuppe löffelte, in der struppige Borsten, genau acht an der Zahl, dunkle Fäden zogen. 'Nichts ist so ekelig wie ein Haar in der Suppe', dachte sie entrüstet und beschloß, darauf ausnahmsweise einen Vodka zu kippen. Sie hatte gelesen, daß die Schärfe von unverdünntem Alkohol dem faserigen Gewuschel, das den Kopf, die Achselhöhlen, die Schamregionen, ja so viele Gebiete eines Körpers bedeckt, zu Leibe rücken könne. Doch auf der frischgewischten Glasplatte ihrer Hausbar erwartete sie nur ein noch größeres Sammelsurium an Menschenpelz. Sie zählte dreizehn Haare unterschiedlichster Provenienz, rote, braune, schwarze, alle Schattierungen von Blond; eines davon war sogar blau.
In ernsthafte Zweifel darüber vertieft, wie sie ihr Leben in den Griff kriegen sollte, betrat Virulenta Valge wenig später das kommunale Freibad, eine altmodische Einrichtung mit Umkleidekabinen, von denen der Putz blätterte, und einem schlecht gekachelten Bassin voller Entengrütze. Rot brannte die Nachmittagssonne vom Himmel, als sie die ersten Züge tat. Etwas verfing sich zwischen ihren Fingern. Es war ein ausgesprochen langes und zähes, dunkelbraunes Roßhaar, das einer der zahlreichen Zopfträgerinnen vor ihr in der Bahn gehört haben mochte.
Virulenta Valge verließ die Kraft, weiterzuschwimmen, willenlos trieb sie im Becken und hatte schon viel Wasser geschluckt, als der sehnige, braungebrannte Bademeister, die Gefahr endlich erkennend, ihr nach einigen Minuten beisprang - sein erster Rettungseinsatz, der einzige seines Lebens vielleicht. Ihr letzter Gedanke, bevor sie bewußtlos wurde, war der, eine der Schwimmerinnen mit sich in die Tiefe zu reißen.
Als sie abends, nachdem man 3,41 Liter Wasser aus ihrer Lunge gedrückt hatte, wieder vor dem Spiegel stand, den Atem ruhig, leicht pfeifend gehen ließ und verschämt ihre behaarte Kopfpartie betrachtete, entdeckte sie inmitten ihrer braunen Strähnen ein glänzendes weißes Etwas - ein weißes Haar! 'Ich lebe noch', dachte Virulenta Valge, 'und dieses Haar ist der Beweis, der "helle Beweis eines Schmerzes und eines ersten Alters", wie es irgendwo heißt.'
Mit grimmiger Lust rupfte sie es aus und schlüpfte ins Bett, davon überzeugt, daß sich nun alles zum Besseren wenden werde.