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(C) Frederik E. Church, Above the Clouds of Sunrise, 1849
Acey Duane Hansman war das, was man einen klassischen Eskapisten nennt.
Seine Frau hatte ihn schon vor Jahren verlassen, war
Muselmanin geworden und hatte sich mit ihren sieben Kindern in
Kalifornien angesiedelt, wo Imam Muhammad Schwartzenacre eine
besonders liberale Kindergartenpolitik predigte. Acey Duane
versauerte derweil als Telefonist in einem Call-Center für
Spülmaschinenersatzteile an der Ostküste und trank den halben
Tag große Schlucke aus einer Papiertüte.
Bis er eines Tages beschloß, alles hinzuschmeißen, seine Mätresse,
seine Sportwagen, seine hübsche New Yorker Schlafwabe, in der er
Honiglikör züchtete, und den alten Appalachenpfad entlang zu
wandern, bis das Herz seiner Frau erweicht und seine Lunge wieder
frei von Auspuffabgasen sein würde.
Er hatte sich einen breitschultrigen Cherokee gemietet und
war an einem strahlenden Septembermorgen in die Wildnis aufgebrochen.
Zu einer Uhrzeit, als er seinen Chef auf dem Broadway im Stau
wußte, schickte er sich bereits oberhalb der Schwefelstadt
Centralia, Penn., an, seinen ersten Gipfel zu erstürmen.
Es war Cole Peak Mountain. Von oben herab bot sich ihm eine überwältigende
Aussicht über die in die zarte Röte eines Altweibersommermorgens
getauchten Schluchten und Wälder seiner Heimat, die großen,
saftigen Ebenen, wo die Gemüsebauern zur Maisernte ausfuhren,
und auf die fernen schneebedeckten Höhen des Felsengebirges.
Dahinter meinte er sogar den Ozean glitzern zu sehen, an dessen
Ufern er seine Familie bei der Rezitation der Morgensure
vermutete.
Beim Abstieg zog es sich jedoch zu, ein leichter saurer Regen
setzte ein, und Acey Duane fürchtete bereits, seine Wanderung
könnte ein frühzeitiges Ende nehmen. Er machte dem Cherokee,
den er unweit eines Wasserlochs unter einen Baum gestellt hatte,
Beine, und gemeinsam schafften sie die 3.540 Kilometer des
Appalachenpfades mit seinen über 350 Berggipfeln, zahllosen
Wasserläufen und Zahnradbahnen, mit seinen 27.583 Tankstellen
und 14 Campingplätzen in weniger als sechzehn Tagen. Auf dem
Weg sahen sie freundliche Libellen vorüberflimmern, zahme
Grizzlybären ästen in der Herbstsonne, und die vielen liebenswerten
Softeisverkäufer riefen dazu ihr dienstfertiges "Have another
one!" in die vom Frühtau ziselierte Luft der mächtigen Märchenwälder.
Das erste Mal in seinem Leben erfreute sich Acey Duane Hansman
der tiefen Empfindung, daß er genau das Richtige tat.
Die große Enttäuschung kam am letzten Abend, als er in der
untergehenden Sonne auf dem Springer Montain stand und vergeblich
zu seinen Füßen nach Kalifornien suchte. Aber alles, was er
entdecken konnte, war Georgien mit seinen Pipelines und seinem
ungehobelten Schafzüchterpack. Wie sollte er seine Familie im
fernen Kalifornien je finden, wenn der Appalachenpfad gar nicht
dorthin führte?
Er verfluchte die Kartenzeichner des National Geographic und
ließ sich verbittert auf einem Stein nieder. Schon während er
sich auf den unbehauenen Quader setzte, der entfernt an einen
Schleudersitz erinnerte, lag Veränderung in der Luft. Alles,
was er dann noch hörte, war das Schnalzen eines einrastenden
Federmechanismus, und im nächsten Moment fand er sich bereits
mit einer Höllengeschwindigkeit in die Luft geschleudert. Die
Sonne war noch nicht ganz gesunken, und seine Frau guckte gerade
die Truman Show, während sie "When You Are Going To San Francisco"
vor sich hin summte, als der verdutzte Acey Duane in ihren
gnädigen Armen landete.
Und da sage noch einer, in Amerika wäre nicht alles alles
möglich.
Patrick Wilden, 26. Oktober
2003
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