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Fernsehen Macht Kanzler

Berichterstattung im Fernsehen hat großen Einfluss auf Wahlentscheidungen




Das Fernsehen als Kanzlermacher? Entscheidet die TV-Berichterstattung über die Kandidaten den Wahlausgang? Nicht allein, doch der Einfluss ist größer als manch ein Skeptiker meint. Eine Studie an der Freien Universität Berlin hat die Abhängigkeit der Kanzlerpräferenz von Fernsehnachrichten und Wirtschaftslage untersucht. Das Ergebnis: Es gibt Konstellationen, die einen wahlentscheidenden Einfluss des Fernsehens möglich machen. Besonders für die Einstellung der Wähler gegenüber dem Herausforderer spielt die Medienberichtserstattung eine wichtige Rolle. Für die Bewertung des Amtsinhabers ist vor allem die Wirtschaftslage von Bedeutung.

Der Medienforscher Andreas Dams zeigt das in seiner soeben erschienen Dissertation „Zweitstimme ist Kanzlerstimme“ am Beispiel des Bundestagswahlkampfes von 1994. Er geht dabei einen neuen Weg: „Während die Rolle des Kanzlerkandidaten bei der Wahlentscheidung der Wähler ein gut untersuchtes Forschungsfeld ist, sind die Ergebnisse in der Frage, wie die Kandidatenorientierung selbst zustande kommt, noch relativ spärlich gesät“, erklärt der Wissenschaftler. Er nutzt zur Beantwortung dieser Frage eine datentechnisch einmalige Situation: Er stellt die durch Wählerbefragungen täglich ermittelte Kanzlerpräferenz der selbst gemessenen TV-Berichterstattung gegenüber.

Dams liefert zunächst einen ausführlichen theoretischen Hintergrund für seine Untersuchung und zeigt, dass in der modernen Forschung von einer starken Wirkung der Medien ausgegangen wird – in früheren Modellen wurde das oft bestritten. „Vor allem dem Fernsehen wird ein hohes Wirkungspotential zugesprochen“, so Dams. Die Nachrichtenkanäle sind das „Bindeglied zwischen politischen Akteuren und Wählern“. Und: Die Personalisierung in der Politik nimmt immer weiter zu. Kanzler und Herausforderer gehen jedoch mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen ins Rennen: Der Amtsinhaber ist sehr bekannt und die Wähler machen ihn als Regierungschef für viele gesellschaftliche Zustände verantwortlich – vor allem für die Wirtschaftslage und den Stand der Arbeitslosigkeit. Den Herausforderer jedoch kennen die Wähler weniger gut und können ihn kaum als politische Führungsfigur einschätzen. Daher untersucht Dams die Kanzlerpräferenz für die beiden Kandidaten einzeln und führt sie auf verschiedene Einflussfaktoren zurück.

Für den empirischen Teil der Studie analysiert er die Berichterstattung der Hauptnachrichtensendungen von ARD, ZDF, RTL und Sat.1 in Bezug auf die beiden Kandidaten. Außerdem greift er auf Daten aus einem Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft zurück, das für jeden einzelnen Tag die Kanzlerpräferenz der Wähler durch Umfragen ermittelte. Die analytische Verknüpfung der Daten ist bisher einmalig und bestätigt seine theoretischen Überlegungen.

Der SPD-Kandidat Rudolf Scharping wurde von den Befragten immer dann eher negativ bewertet bzw. nicht als Kanzler gewünscht, wenn er in den Nachrichten viele Negativnennungen hatte. Der Umkehrschluss trifft allerdings nicht zu: Die Wählermeinung zu Scharping verbesserte sich nicht nachweisbar, wenn über ihn positiv berichtet wurde. „Allerdings gibt es zum systematischen Nachweis dieses Aspekts nicht genügend Daten, da viel seltener positiv über Scharping berichtet wurde“, sagt Dams.

Helmut Kohl hingegen wird in den Nachrichten viel seltener negativ bewertet als sein Herausforderer. Das hat jedoch keinen Einfluss auf die Kanzlerpräferenz ihm gegenüber. Über einen amtierenden Kanzler wird schon während seiner gesamten Amtszeit berichtet, die Wähler haben bereits eine Menge Informationen über ihn. Der Berichtzeitraum direkt vor einer Wahl ist schlicht zu kurz für die Bewertung und „nicht meinungsrelevant“. Wesentlich für die Kanzlerpräferenz gegenüber dem Amtsinhaber ist seine subjektiv empfundene Erfolgsbilanz, also die Wirtschaftslage. Auch das kann Dams anhand der Daten empirisch nachweisen. Helmut Kohl wird immer dann negativ bewertet, wenn die Wirtschaftslage besonders negativ eingeschätzt wird.

Die kommunikativen Anforderungen, die an Herausforderer und Amtsinhaber gestellt werden, unterscheiden sich in diesem Punkt also grundlegend. Der Amtsinhaber wird mehr und mehr versuchen müssen, eine positive Bilanz darzustellen, während der Herausforderer vor allem nicht negativ auffallen darf.

Von Oliver Trenkamp
ID 00000001593
Studie:
Andreas Dams, „Zweitstimme ist Kanzlerstimme! Die Abhängigkeit der Kanzlerpräferenz von Fernsehnachrichten und Wirtschaftslage. Eine zeitreihenanalytische Untersuchung am Beispiel der Bundestagswahl 1994
auf der Basis täglicher Messungen“, Berlin 2004, im Internet unter: www.diss.fu-berlin.de/2004/158/

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Dr. Andreas Dams, E-Mail: dams@damsonline.de

Siehe auch:
http://www.diss.fu-berlin.de/2004/158/




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