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Theaterkritik

Margaret Edson: W;t (Hamburger Kammerspiele)

Eine Königin stirbt

An das Publikum gewandt erklärt die Patientin (Tatja Seibt) zu Beginn des Stücks, dass sie höchstens noch zwei Stunden zu leben hat. Die Ankündigung vom Ende gleich am Anfang eines Theaterstücks erinnert an Eugène Ionescos Theaterstück "Der König stirbt". Und tatsächlich ist auch die Protagonistin in Margaret Edsons Stück als Professorin für Lyrik des 17.Jahrhunderts eine Königin. Eine Königin der Sprache.
Doch im Gegensatz zum französischen Dramatiker des Absurden führt uns die Autorin Edson, die eine Zeitlang als Schwesternhelferin in der Krebsstation einer Forschungsklinik gearbeitet hat, eine absurd anmutende Wirklichkeit vor Augen.
In ihrer Ansprache äußert sich die an einer transportablen Infusionspumpe angeschlossene Professorin ironisch über die Gedankenlosigkeit des Sprachgebrauchs. Die spitzen, im süffisanten Tonfall vorgetragenen Bemerkungen über die Verhältnisse im Krankenhaus und die Verhaltensweisen des dortigen Personals animieren das Publikum zum Lachen.
Es ist der Humor eines Menschen, der gewohnt ist, über den Dingen zu stehen und alles unter Kontrolle zu haben. Sie durchschaut die Welt der stereotypen Handlungsweisen und Redewendungen der Ärzte und kommentiert Szenen mit spöttischem Augenrollen.
Mit der dramatischen Entwicklung der unheilbaren Krankheit verändert sich entsprechend der schwindenden Zuversicht und dem Vertrauensverlust auch der Humor in den laut geführten Selbstgesprächen. In der Hilflosigkeit der bald vollends ans Bett gefesselten Kranken scheint eine Abwehrhaltung nur mit Ironie und Sarkasmus möglich.
Regisseur Hans Gratzer nutzt den von Edson fein beobachteten Krankenhausbetrieb und macht die Stadien des bitteren Humors zum Gradmesser der Beziehungen zwischen Patientin und Ärzte- und Pflegepersonal. Zugleich wird in diesem Beziehungsgeflecht die würdelose Situation eines der Medizin ausgelieferten Menschen transparent.
Die Begegnung der sterbenskranken Professorin mit dem für sie mitverantwortlichen Assistenzarzt Jason Posner (Eduard Erne) bereichert die Leidensgeschichte um eine heikle Komponente. Das zufällige Zusammentreffen mit Posner, der in seiner Studienzeit mit mittelmäßigem Erfolg an einem Kurs der Professorin teilgenommen hatte, macht ihr deutlich, dass sie nicht nur den Kampf gegen einen ihre Eingeweide zerstörenden unsichtbaren Krebs führt. Ihr Leiden steigert sich neben der körperlichen Krise durch die Erkenntnis, dass mit der Lebenskrise ein Verlust von Macht verbunden ist. Wie der ehemalige Student, der sich nun als karrieresüchtiger Mediziner entpuppt, war ist sie eine Vertreterin des Wissens. Doch anders als in ihrem bisherigen Leben, befindet sie sich nun selbst in der passiven Rolle eines Forschungsobjekts.

Im Verlauf des Stücks wird immer deutlicher, dass das zentrale Thema des Stücks die Einsamkeit einer Sterbenden ist. Die leidenschaftliche Forscherin auf dem Gebiet der Literatur erzählt nicht nur ihre leidvolle Krankheitsgeschichte, sondern erinnert sich eines Studiengesprächs als 22jährige Studentin mit ihrer damaligen Professorin (Doris Buchrucker). Es dreht sich um ein deplaziertes Semikolon in einer geistlichen Sonette des Dichters John Donne, in der vom Kampf gegen den Tod und von der Überwindung scheinbar unüberwindlicher Schranken berichtet wird. Das winzige Detail einer fehlerhaften Zeichensetzung verfälscht die Aussage des Gedichts. Im Nachhinein ahnt die am Tropf hängende Literaturwissenschaftlerin den Zusammenhang zwischen schlichter menschlicher Wahrheit und den kompromisslosen Maßstäben der Wissenschaft.

Eine weitere Rückblende zeigt die Sterbenskranke als 5jährige, die in einem Kinderbuch das Wort "sedativ" entdeckt und sich die Bedeutung von ihrem Vater erklären lässt. Die Szene ist insofern kurios, als es schwer vorstellbar ist, dass ein solches Wort in einem Kinderbuch mit dem Titel "Die Geschichte von den Flopsi-Häschen" verwendet wird. Aber die Begebenheit schafft eine Brücke in die aktuelle Situation und zur naiven Schwester Susie (Susanna Kraus), der die Bedeutung des Wortes von der Patientin erklärt wird.
Es ist aber dieser einfache Mensch, der die Sterbenskranke vor langem qualvollen Sterben rettet und mit vehementen Einsatz dafür sorgt, dass entsprechend dem Willen der Todgeweihten das Leben nicht durch medizinische Maschinen sinnlos verlängert wird.

Viele Berichte bisheriger Inszenierungen des erfolgreichen Theaterstückes schürten das Gerücht, "Geist" sei ein Theaterstück mit ernsten Thema und viel Humor. Die in Hamburg darauf eingestellten Zuschauer werden Dank der durchdringenden Gestaltungskraft der Hauptdarstellerin eines Besseren belehrt. Die Inszenierung führt zum einen unmissverständlich Margaret Edsons Anklage gegen die Haltung von Medizinern mit rücksichtslosem Forscherdrang vor Augen und rückt zum anderen die tragische, menschliche Seite in den Mittelpunkt.

v. - red / 29.11.2000



W;t (sprich: Wit = Geist)

Eine Koproduktion des Schauspielhauses Wien und der Hamburger Kammerspiele
Premiere am 10.11.2000 in den Hamburger Kammerspielen
Regie und Bühne: Hans Gratzer
Kostüme: Toni Wiesinger / Ilse Welter
Licht: Christian Kemmetmüller
mit: Tatja Seibt, Peter Franke, Eduard Erne, Susanna Kraus, Doris Buchrucker, Peter Franke, Antonie Boegner, Eduard Erne, Felix Bachmann, Stefan Dupke, Thomas Kretzschmar

Kartentelefon: 040/ 41334444, Kartenfax: 040/ 44196915
www.hamburger-kammerspiele.de
siehe auch / Theater
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