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Theater Bonn, September 2006

WIE ES SO LÄUFT VON NEIL LABUTE

Inszenierung: Klaus Weise

Deutschsprachige Erstaufführung

(C) http://www.theater-bonn.de/

Ein Mann erzählt, wie er nach einigen Jahren in einem Einkaufscenter in seiner Heimatstadt eine Schulfreundin wiedertrifft. Sie ist mittlerweile verheiratet – mit Cody Phibbs, der früher in der Schule ein guter Sportler war und heute sehr viel Geld verdient. Zudem ist er der einzige Schwarze in der Provinzstadt im mittleren Westen der USA, in der das Stück spielt. Der Mann war schon zu Schulzeiten in die Frau verliebt – hatte damals aber keine Chance, weil er fett war und von allen verspottet wurde. Aber jetzt stellt sich die Sache anders dar, und die Frau scheint nicht ganz abgeneigt zu sein. Bald darauf zieht der Mann in der Garagenwohnung im Haus der Frau ein und erlebt den Ehealltag hautnah mit. Und der Zuschauer erfährt, dass Cody seine Frau an den Mann verschachtert.


(C) http://www.theater-bonn.de/


Aber stimmt das eigentlich alles? Das ist die zentrale Frage in Neil LaButes Stück „Wie es so läuft“. Es erzählt die scheinbar banale Geschichte eines Mannes, der endlich seine alte Highschool-Liebe bekommt, aber unter der Oberfläche brodelt es, und Untiefen tun sich auf. Der Mann – er bleibt ebenso wie die Frau namenlos – fungiert als Erzähler seiner eigenen Geschichte und verweist gleich zu Beginn darauf, dass er ein unzuverlässiger Erzähler ist. Der Zuschauer ist also gewarnt und dennoch folgt er dem charismatischen Mann aufmerksam und wohlwollend in seinen Ausführungen, seinen Andeutungen darauf, was später noch passieren wird, welche Relevanz die folgende Szene haben wird und so weiter. Natürlich kann der Mann darauf hinweisen, dass der Zuschauer sich seine eigene Meinung zur Figur Cody bilden kann, er hält dann aber mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg, und schon ist man voreingenommen. Seine Texte sind dabei teilweise sehr böse und brutal direkt, und man ertappt sich dabei, dass man über die ein oder andere Bemerkung vortrefflich lachen kann, obwohl sie politisch höchst unkorrekt oder sogar rassistisch war. Hinter manchem Lacher lauert so eben auch immer wieder ein Abgrund.


(C) http://www.theater-bonn.de/


Es geht darum, die Wahrheit zu erzählen, aber die erweist sich wieder einmal als subjektiv. Was kann man dem Erzähler glauben und was nicht? Manchmal weist er darauf hin, dass in der Szene zuvor seine Fantasie die Oberhand gewonnen habe und dann wird sie eben noch einmal in einer Variation durchgespielt. Den Wahrheitsgehalt dieser Variation kann dann jeder Zuschauer für sich selbst bestimmten. Die Erzählersituation erlaubt auch ein kokettes Zusammenspiel zwischen den Figuren: Hören die anderen ihn? Zum Teil verweigern sie sich zumindest seine Regieanweisungen oder folgen ihnen erst nach einem kurzen Moment, den man als Moment des Protestes deuten kann.
Klaus Weise beweist in seiner Inszenierung ein perfektes Gefühl für Timing, Tempo und Spannungsbögen. Niemals wird es geschwätzig oder langweilig, alle Pointen sind präzise platziert. Das Spiel zwischen den Figuren entwickelt sich in einem kargen Raum ohne Möbel, der lediglich die ein oder andere Sitzgelegenheit bietet. Requisiten werden spärlich verwendet und, wo notwendig, einfach auf die Bühne geholt. Die verschiedenen Spielorte werden durch eine kluge Lichtregie gestaltet.
Dass der Abend auf hohem Niveau überzeugt und extrem kurzweilig ist, ist auch den Schauspielern zu verdanken, die perfekt aufeinander eingespielt sind. Falilou Seck ist Cody, der immer allen etwas beweisen muss, durchtrainiert, ehrgeizig und misstrauisch, immer auf dem Sprung, seine überlegenen Fähigkeiten zu demonstrieren. Birte Schrein changiert zwischen Klischees (blonde Cheerleaderin mit Hang zur Limonade) und der Traurigkeit einer Frau, die vielleicht aus den falschen Gründen geheiratet hat und in einer schwierigen Beziehung lebt. Wundervoll, wie sie im Zahnfleisch bohrt, wenn sie in ihrer Erinnerung kramt. Vor allem aber ist Yorck Dippes Darstellung des Mannes zu nennen: Stets präsent, scharfzüngig, doppelbödig. Er wechselt zwischen Gewissensbissen, Freundlichkeit und knallharter Berechnung. Als Erzähler ist er Vertrauter des Publikums, aber vollständig trauen kann man ihm nie. Durch seine Regieanweisungen beginnt das Spiel, er hält die Fäden in der Hand, und auch wenn er nicht auf der Bühne ist, gibt er den Ton des Abends vor.
Am Ende stehen Cody und seine Frau vor dem Ende ihrer Ehe, sie bereits mit einem neuen Mann an ihrer Seite. Cody trägt einen Anzug in Grau, wie ihn der Mann zu Beginn trägt. Der Mann dagegen einen weißen Anzug, wie Cody ihn zuvor trug. Ein einfaches Zeichen, aber eines, das zum Nachdenken anregt. Beginnt das Spiel etwa wieder von vorne?


Karoline Bendig - red / 18. September 2006
ID 2667
Wie es so läuft
Von Neil LaBute
Deutsch von Frank Heibert

Regie: Klaus Wiese
Bühne: Gesine Kuhn
Kostüme: Fred Fenner
Licht: Thomas Roscher
Besetzung: Yorck Dippe (Der Mann), Birte Schrein (Die Frau), Cody (Falilou Seck)

Premiere am 28. April 2006
Weitere Termine: 21., 24.09., 17., 25., 26. und 29.10



Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de/index_1024.php?hd_id=5






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