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Besprechung


Schauspiel Köln, 1. November 2007

Soeren Vioma: Volpone

Nach Motiven von Ben Jonson

Volpone, ein Stück des englischen Dramatikers Ben Jonson vom Beginn des 17. Jahrhunderts, hat Soeren Voima für das Kölner Schauspiel umgeschrieben und auf modern getrimmt. Daher firmiert es als Uraufführung. Volpone ist ein Mensch, für den sich alles um Geld dreht. „Geld ist Gott“, ist sein erster Satz, und an dieses Geld wollen viele Leute in seiner Umgebung ran. Zu nennen sind Volpones Anwalt, der Gewerkschaftler Wilfried Raabe, der von Albert Kitzel als eine Art schmieriger, hemdsärmliger italienischer Gastarbeiter gespielt wird, und Volpones jüdischer Konkurrent Bernhard Wolfowitz. Erfolgreich spielt Volpone ihnen seit einer Weile vor, er sei sterbenskrank, und jeder macht sich Hoffnung, als Haupterbe eingesetzt zu werden.
In der Inszenierung von Christian Weise befindet sich Volpone in einem Krankenhaus, unter den pflegenden Händen von Schulmedizinern, die, wie er nicht müde wird zu betonen, sehr viel Geld mit ihm verdienen. Hier lässt er es sich gut gehen. Sein Krankenlager befindet sich in der Mitte der Bühne und ist durch mehrere Türen zugänglich – es handelt sich also nicht um ein intimes Einzelzimmer. Zudem blickt man vom Zuschauerraum gewissermaßen in den Zuschauerraum – zumindest sehen die Türen, Holzverkleidung, Lichtkörper und die Lautsprecher auf der Bühne genauso aus wie die im Zuschauerraum. Es gibt kein Bett, Volpone legt sich im Bedarfsfall auf den Boden. Dafür steht ein Infusionstropf bereit, der aber nicht benutzt wird.
Die potenziellen Erben Volpones, die sein Krankenbett belagern und von der betreuenden Ärztin Frau Dr. Fliegel mit allerlei Versprechungen hingehalten werden, sind ebenfalls Patienten des Krankenhauses, scheinen aber – im Gegensatz zu Volpone – tatsächlich medizinischen Beistand zu brauchen: Der Anwalt ist inkontinent, der Gewerkschaftsmensch hat Probleme mit seiner Speicheldrüse, Wolfowitz geht auf Krücken.
Als Komödie, als welcher er kategorisiert ist, taugt der Abend nur bedingt: zu wenig Tempo, zu lange Extempores von Reinke über das lukrative Geschäft des Sichzutodepflegenlassens und die unschätzbaren Vorteile von Geld, zu durchsichtig die Lösung – Frau Dr. Fliegel sorgt für einen leiblichen Erben und hat sich und ihrem Krankenhaus damit eine rosige finanzielle Zukunft gesichert. Dadurch, dass die Komik nicht recht funktionieren will, gibt es keine Fallhöhe für die tragischen Momente des Abends, die Fremdkörper bleiben. Beispielsweise wenn Raabe Volpone seine Frau zum Geschlechtsverkehr anbietet und diese übel misshandelt, als sie nicht will. Aber plötzlich, und das ist dann doch eine Leistung dieser Szene, ertappt man sich dabei, dass man an Betriebsräte und Lustreisen nach Asien denkt und damit den Bogen von der elisabethanischen Tragödie zum Hier und Heute geschlagen hat.
Volpone ist Martin Reinke und das in mehrfacher Hinsicht. Reinke spielt nicht nur die gleichnamige Titelfigur, der Abend wird auch ganz entscheidend von ihm getragen. Sein Volpone ist zynisch, er ist eitel, er hört sich gerne reden. Unbesehen glaubt man ihm, dass Geld nicht alles sei – er sei schließlich mit zwei Millionen auch kein glücklicherer Mensch als mit einer Million gewesen. Fast wird er einem sympathisch, wenn er die Art und Weise, wie Raabe seine Frau misshandelt und beschimpft, anprangert. Nur, um dann doch selbst zur Tat zu schreiten, Raabes Frau zu vergewaltigen und dabei einen Herzinfarkt zu erleiden. Ein Moment, der allerdings nicht ganz funktioniert.
Man kommt sich teilweise vor, als wohne man einer gesellschaftspolitisch angehauchten Ein-Mann-Show bei. Die Ärztin wird Volpone als geduldige Zuhörerin an die Seite gestellt, als Adressatin gewissermaßen – alle anderen dürfen mit so manchem platten Witz auch direkt das Publikum anzusprechen. Gelegentlich fühlt man sich an Molière, dann wieder an Dürrenmatts „Die Physiker“ erinnert (es ist nicht wirklich überraschend, dass die so gescholtene Schulmedizinerin Frau Dr. Feigel am Ende triumphiert, auch wenn Lina Beckmann ein wenig zu blass bleibt, um sie zu einer überzeugenden Gegenspielerin von Volpone aufzubauen). Auch die Komik des Krankenhausleibchens, das Reinke trägt und wodurch er regelmäßig beim Umdrehen seinen blanken Hintern zur Schau stellt, trägt nicht den ganzen Abend über, und so setzt bei zwei Stunden Spieldauer recht bald eine gepflegte Langeweile ein.
Kurz gesagt, wer Reinke mag, für den ist „Volpone“ eine gute Wahl, wer mit ihn nichts anfangen kann, sollte seine Zeit anders verbringen. Denn außer Reinke hat „Volpone“ nicht nichts, aber doch nicht viel zu bieten. Alles andere ist nur Staffage – selbst ein Traugott Buhre als Wolfowitz.



Soeren Voima
Volpone
Komödie nach Motiven von Ben Jonson


Inszenierung: Christian Weise
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme: Joki Tewes
Musik: Steffen Illner
Dramaturgie: Jan Hein
Licht: Johan Delaere
Besetzung: Martin Reinke (Volpone), Lina Beckmann (Frau Dr. Fliegel), Thomas Wittmann (Peter Geier), Albert Kitzl (Wilfried Raabe), Lucia Peraza Rios (Gracia Raabe), Traugott Buhre (Bernhard Wolfowitz), Jan-Peter Kampwirth (Jonas Wolfowitz), Murali Perumal (Pfleger), Katja Beisch/Anne Hartkamp, Gabriele Coenes/Anna Lindblom, Bernd Kaftan/Peter Kertész, David Benkenstein/Jan Rouwen Hendriks (Chor)



Karoline Bendig - red. / 3. November 2007
ID 00000003506

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