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Theater- Feuilleton


Die Musik bleibt Nebensache

Hannover: Calixto Bieito persifliert “La Traviata”

Charles Fourier, dem die Begriffsschöpfung Feminismus nachgerühmt wird, beurteilte den Kulturgrad einer Gesellschaft nach der Stellung, welche „die Frau“ in derselben einnimmt. „La Traviata“ ist Verdis ernüchternde Probe auf Fouriers Einsicht für die zeitgenössische Gesellschaft um 1853. Zugleich wird „La Traviata“ bis heute ungebrochen als einer der Höhepunkte der Frauenverherrlichung in der Kunst im Gegensatz zur realen Unterdrückung von Frauen und Frausein in der kapitalistischen Moderne rezipiert. Gewaltlosigkeit, Zärtlichkeit, Sensitivität und auch Opferbereitschaft als weibliche Qualitäten versus Rationalität, Geld und Herrschaft als den Behauptungsformen der dominanten männlichen Triebstruktur lautet die archaische Antithese, wie sie in der Sterbeszene ihre bittersüße Apotheose zu erfahren scheint. Diesem Mythos fühlt Calixto Bieito in seiner Neuinszenierung von Verdis Meisteroper für die Staatsoper Hannover auf den Zahn.

Bieito orientiert sich an Verdis Feststellung „Eine Hure muss immer eine Hure sein“, mit der der Maestro die Entstellung seiner Oper durch die Zensur beklagte: „Sie hat die TRAVIATA rein und unschuldig gemacht. Vielen Dank! So hat sie alle Stellenwerte, alle Charaktere verloren.“ Bieito demonstriert, wie ein Gefüge von Sinnlichkeit und subversiver Zweckrationalität die stabile Charaktermaske der Traviata über alle drei Akte ausmacht, die folgerichtig bei ihm auch alle am gleichen Schauplatz, nämlich Violettas Appartement, spielen. Ausgerechnet Giorgio Germont hat die Konsistenz von Violettas Charakter im Gegensatz zu seinem Sohn genau erkannt und zieht daraus in reaktionärer Absicht seine barbarischen Schlussfolgerungen, was bei Bieito bedeutet, dass er Violetta zynisch-realistisch als Anbieterin der Ware Lust missbraucht. Kaum dürfte je auf der Bühne so bestürzend die grausame Art des „Sich-Verstehens“ zwischen diesen beiden Menschen herausgearbeitet worden sein. Bieito macht aus Violetta eine Verwandte Lulus, sie ist ideale Projektionsfläche für Männerphantasien – woran auch ihre Liebe zu Alfredo zerbricht – und zugleich setzt sie die ihr zugefügten Erniedrigungen in eine offensive psychische Energie um, worauf Bieito im 3.Akt einen außergewöhnlichen Theatercoup aufbaut: Violetta spielt mit Unterstützung ihrer Freundin nur die Sterbende, um aus einer für sie (!!) unmöglichen Beziehung zu entkommen. Was die Zuschauer zu sehen bekommen, ist einer der üblichen dick aufgetragenen Lebensabschiede der Prostituierten – aber unter dem alles entscheidenden Vorzeichen der Persiflage. So durchbricht Bieito die affirmative Festlegung Violettas auf die Opferrolle in ihrer ästhetischen Verklärung. Die Sterbeszene gipfelt stattdessen in einem befreienden Lachen Violettas.

Das alles ist grandios gedacht –wäre da nicht noch die Musik. Der zugegebenermaßen in erträglicher, nicht verlogener Weise kaum darstellbare szenische Bezug zur seelischen Intimität (nicht Innerlichkeit) der Musik geht bei all dem verloren. Musik und Szene klaffen am Ende schmerzlich auseinander, was immerhin jenseits des Werkes auch eine starke Wirkung hervorruft. Bieito sieht die Utopie der Violetta-Gestalt nicht mehr in einer im Leiden aufleuchtenden Humanität, sondern in den Freiheitsgraden ihres unkonventionellen Gefühlslebens: „Sempre libera“! Musikalisch bewegt sich die Produktion auf hohem Niveau. Enrique Mazzola leitet das Staatsorchester Hannover zu einer sängerfreundlichen Begleitung an, ohne auf eigenständige dramatische Akzente des Orchesters zu verzichten. Die Vorspiele zum 1. und 3.Akt vereinigen Klarheit mit inwendigem lyrischen Schmelz. Natalia Ushakova besteht als Violetta die virtuosen Koloraturen des 1.Aktes sicher, überaus beglückend gelingt ihr die Melodieformung von „Dite alla giovine“ und auch die Wärme und sublime Expressivität ihres „Addio, del passato“ prägen sich nachhaltig dem Ohr ein. Ihre Partner sind Will Hartmann als vokal zuverlässiger Alfredo, Trond Halstein Moe als Giorgio Germont mit stimmlicher Noblesse und Leandra Overmann, die in Bieitos Version Flora und Annina in einer Person verkörpert und auch gleich noch eine Arie aus Alfredos Part übernimmt.

Fazit: Calixto Bieito ist an „La Traviata“ auf eine interessante Weise gescheitert. Sein Versuch, die Oper vor der Vereinnahmung durch bürgerliche Ideologie zu erretten, kommt am Ende nur um den Preis einer Zerstörung des Werkes, einer Aufgabe der Einheit von Musik und Szene zu Stande. Dieser Eindruck verstärkt sich noch durch die ‚Schönheit’ der musikalischen Interpretation, die zumindest im 3.Akt ins Nichts sich verströmt.

chr.t. - red / 09. Oktober 2003
Die nächsten Aufführungstermine: 25.10. und 23.11.
Kartentelefon: (0511)-9999-1111

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