Ballhaus Naunynstraße, Berlin
Die Verweigerung
Zur Berliner Aufführung der Kammeroper „Die Verweigerung“ von Gerhard Rosenfeld
mit einem Libretto von Gerhard Hartmann am 12-14.März 2004 im Ballhaus Naunynstraße
„Warum ändert sich nichts?
Warum begreift man nichts?
Durch die geometrischen Labyrinthe
der Einsamkeit
zucken grelle Hoffnungen wie
paralysierte Kakerlaken“ (Axenti, Szene 4)
Eine paralysierte Kakerlake? kein einfaches Thema….
Eine paralysierte Kakerlake als zuckende grelle Hoffnungen? kaum denkbar…
Eine paralysierte Kakerlake als zuckende grelle Hoffnungen besungen in einer Kammeroper ? unvorstellbar?..
Eine paralysierte Kakerlake als zuckende grelle Hoffnung in einer Kammeroper mitten in Kreuzberg 36? Was sonst?!
„Sonderbar,sehr sonderbar
was, wenn ich den Faden zerrisse?
Speichelleckend lächle ich vor Furcht
Ich lechze nach Fußtritten
Ich kann ohne Fußtritte nicht leben…“(Axenti, Szene 1)
Axenti Iwanowitsch ist eigentlich eine Figur aus Nikolai Gogols „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“, verfasst um 1830. „Die Verweigerung“ ist eine freie Adaption von dem Librettisten Gerhard Hartmann, seines Zeichens Anglist und Slawist, der über Gogols Petersburger Novellen promovierte . Die Substanzen der Gogolschen Erzählung wurden herausgearbeitet und szenisch umgesetzt: Axenti, ein Gefangener der modernen hierarchisch geordneten Gesellschaft und Arbeitswelt will den Faden zerreißen, ausbrechen aus der Welt, in der der Mensch nur noch als Maschine zu funktionieren hat:
„Bin ich ein Mensch, oder seh ich nur aus wie einer?“
und sucht sich dafür ausgerechnet die nahezu unerreichbare Liebe zu Sofie aus, des Direktors Tochter.
„Sieh mich an Sofie: ich bin unterwegs zu meinem Glück.“
Sofie ist aber nicht interessiert. Sie lebt ihr eigenes wahnsinniges Leben mit ihren vielen Spiegelbildern, wie auch ihre Freundin Nadine, für die nur der äußere Schein wichtig ist. Ausgedrückt wird das in einem wunderbaren Violinsolo, das sich von Sofies Gesang trennt, Divergenzen aufweist und wieder vereint, gleich einem Dialog mit sich selbst. Wie bei jeder Figur ist auch hier die Musik charakteristisch, in hohen Tönen kokettierend, verzückt vom eigenen Schein und kurz aufflackerndem Wahnsinn .Für sie ist Liebe „wie Himbeereis“.
„Ich liebe mich – wie ich dich
mich liebst du – du liebst mich
liebst du mich wie dich?
Dich liebe ich – ich liebe dich
Wie mich – dich – wie mich
Wie dich - mich – dich.“ (Nadine und Violine im Dialog, Szene 6)
Der Amtsvorstand weist Axenti zurecht, auch er ein immer wieder kehrendes Lied singend vom rhythmisch charakterisierten „Wirrwarr“, wie eine gut funktionierende, irre, menschliche Maschine. Zunächst hat er keinen Erfolg, Axentis untergräbt seine Autorität. Schön auch hier der simultane Gesang, der die Stimmung der Szene betont.
Probenbild
Einen kurzen Moment lang bringt Axenti seine immerwährend kanonisch das gleiche Lied singenden Kollegen dazu auszubrechen, sich von den an sie gegurteten Stühlen zu befreien.
„Die Kleinen sind groß
die Großen sind klein
buh buh buh tabu
buh tabu
buh tabu
die Großen sind klein
die Kleinen sind groß“ (Szene 13)
Dann verstärken sich auch Axentis Irrwege:
„hörst du es?
Die Paradiesvögel
die Luft ist wie der Glanz
von tausend Diamanten
der Staub fällt von uns ab…“
„Mein Königreich
im zärtlichen
Rosenduft“…
Der Direktor schmeißt ihn raus. Alle wenden sich von Axentis ab. Sein kurzes Heldentum ist vorbei und nun scheint er zum Scheitern verurteilt zu sein. Dennoch seine letzten Worte bergen die Hoffnung, vermutlich die zuckende, wie paralysierte Kakerlaken: “Ich bin nicht tot und es ist nie zu Ende.“
Die Kammeroper von Gerhard Rosenfeld, der am 4.März 2003 gestorben ist, wurde im Ballhaus Naunynstraße aufgeführt. Die Uraufführung fand 1989 in Osnabrück statt. Die knapp 70-minütige Oper gehört zu den großen Gogol-Adaptionen . Rosenfeld und der Librettist Hauptmann haben auch schon bei der ersten Gogol-Adaption „Der Mantel“ zusammen gearbeitet, uraufgeführt 1978 in Weimar.
Nun haben Studierende verschiedener Musik –und Kunsthochschulen in Berlin, Potsdam, Dresden
Frankfurt/Oder ein Team gebildet, das sich an den schweren Stoff herangewagt hat.
Probenbild
Die Musik Rosenfelds besteht sowohl aus traditionellen Formen wie auch aus Mitteln neuer Musik. Dazu gehören nach neuen Kompositionslinien geschaffene, bestimmende Intervallstrukturen und kontrastreicher Einsatz der Instrumente. Trotz betont melodischer Vielseitigkeit bleibt eine musikalische Klarheit. An die reine Technisierung der Musik konnte Rosenfeld sich nicht gewöhnen. „In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts scheint die technische Phantasie das wichtigste Element der musikalischen Erfindung zu sein. Erst in zweiter Linie geht es offenbar um die eigentliche musikalische Phantasie, um das Phänomen, menschliche Lebenssubstanz Musik werden zu lassen, das in Noten zu bannen, was mit Worten unsagbar ist“ ( Rosenfeld, 1988).
Die Reduktion in der Kammeroper „ Die Verweigerung“ auf nur 7 klassische Instrumente, einem Quartett sowie 5 Solisten und Solistinnen birgt Klarheit, Transparenz, Genauigkeit und die Konzentration auf das Wesentliche in sich. Zum anderen wird aber auch die Vielseitigkeit des eingesetzten Tonmaterials hervorgehoben. Klangflächen, betont rhythmischer Einsatz, singbare Tonfolgen, musikalische Karikaturen und Bildhaftigkeit - begleitend, ergänzend und absolut eigenständig erhalten die Spannung und die musikalische Phantasie bis zur letzten Szene. Die Gleichwertigkeit von Gesang und Orchesterdarstellung wurde in der Berliner Aufführung durch zwei gleich große nebeneinander stehende Podeste verdeutlicht. Eins als Bühne für die szenische Darstellung, das andere für das Orchester.
Bestimmte Akkorde und Intervallstrukturen kehren immer wieder. Man ist fast versucht zu glauben, Rosenfeld wollte das Publikum an sein Tonmaterial gewöhnen. Klarheit und Verständnis werden dem Publikum auch durch die musikalisch und szenisch überzeichneten Charakterisierungen der Personen gebracht. Rosenfeld hat damit der sozialen Komponente seiner Musik Rechnung getragen.
Das Team von Studierenden, unter der Regie von Anna Therese Schmidt und der musikalischen Leitung von Masayuki Carvalho hat Großes geleistet und Mut bewiesen. Kein Klassiker, sondern Rosenfelds Meisterstück des ausgehenden letzten Jahrhunderts war ihr Favorit. Die Umsetzung überzeugte.
Rosenfelds Leitsatz: „Musik lässt sich nicht beschreiben, des Komponisten Sprache ist die Musik“ wurde voll ausgefüllt. Mutig ist es auch deswegen, weil es dem Vergessen der DDR-Kunst und Kultur entgegenwirkt. Rosenfeld wurde 1931 in Kaliningrad geboren und lebte zuletzt in Potsdam. Er bekam verschiedene Preise, unter anderem den Nationalpreis der DDR 1980. Trotzdem war er kein regierungstreuer Komponist.
„Niemandem ist es gelungen, meine menschliche und künstlerische Entwicklung entscheidend zu behindern und sie in die jeweils gerade öffentlich geforderte Richtung zu lenken.“ (Rosenfeld - Interview 1997)
Man darf gespannt sein und hoffen auch ohne das doch wahrlich ungewöhnliche Bild paralysierter Kakerlaken: Im Frühjahr 2005 werden in Berlin drei Werke des Musiktheaters der späten DDR inszeniert - ganz im Zeichen der Verweigerung: „Ich bin nicht tot und es ist nie zu Ende.“
w.p. - red / 14. März 2004
Anhang:
Libretto: das kleinformatige Textbuch sowie der Text zu musikalisch-szenischen Werken.
Kammeroper: der Begriff Kammeroper taucht erst im 19.Jahrhundert auf und bezeichnet eine für räumlich begrenzte Aufführungen konzipierte Oper.
Intervall: der Abstand zweier Töne. Die Auffassung , welche Intervalle als konsonant und dissonant gelten, hat sich im Laufe der Musikgeschichte häufig gewandelt.
Musikalische Leitung: Masayuki Carvalho
Regie: Anna Therese Schmidt
Dramaturgie: Janina Benduski
Produktionsleitung: Janka Voigt
Bühne: Kathrin Kleeberg
Bühnenbildassistenz: Konstanze Grotkopp
Kostüme: Dagmar Philipp
Kostümgestaltung: Antje Burckhardt
Maske: Pauline Späte
Grafik: Friederike Kurze
Licht: Andreas Boguth
Konzept: Anna Therese Schmidt und Janina Benduski
SängerInnen:
Axenti:Johannes Wollrab
Sofie: Nadine Lehner
Nadine: Ulrike Bindert
Direktor: Oliver Uden
Amtsvorsteher: Stephan Bootz
Schreiber: Kristina Herbst, Benedikt S.Zeitner, Murat Acikada, Klaus Rettinhaus
Orchester: Yusi Chen, Elisaveta Ivanova, Hironobu Miyagi, Anna Palmen, Miguel Peres, Paul Schimmelpfennig, Saori Tomikodoro
|
|
|
Anzeige:
Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN
Rothschilds Kolumnen
AUTOR:INNEN- THEATERTAGE
BALLETT | PERFORMANCE | TANZTHEATER
CASTORFOPERN
DEBATTEN & PERSONEN
FREIE SZENE
INTERVIEWS
PREMIEREN- KRITIKEN
ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski
URAUFFÜHRUNGEN
= nicht zu toppen
= schon gut
= geht so
= na ja
= katastrophal
|