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Bremer Theater: Theater am Goetheplatz 7. November 2006

Giuseppe Verdi
La Traviata


Wiederaufnahme der Inszenierung von Ernst-Theo Richter, 1999



Über das Bremer Piano

Die Musiker spielen, was in der Partitur steht. Und da steht Piano. Doch Arturo Toscanini war das zu wenig, und da schoss er sie, wie so oft, an: „Seien sie nicht königlicher als der König. Jeder asino, jeder ignorante kann sehen, dass hier piano steht. Aber was bedeutet piano? Es gibt tausende Arten von Piano – manchmal hören sie ein Piano lauter, manchmal leiser gespielt. Wenn Sie niemand hören kann, wozu ist dann ein Piano gut? … Musik wird manchmal dumm komponiert, no? Der Komponist schreibt die ganze Phrase hindurch piano. Wir müssen intelligent sein. Einige Instrumente sind tief, andere hoch, wieder andere haben verschiedene colori. Wir müssen für alle das richtige piano finden, no? … Es ist nicht genug, wenn Sie ihre Nase in die Partitur stecken, eh? Sie müssen verstehen, was gedruckt ist, no?“ In Bremen hat man sehr gut verstanden, was ein Piano in „La Traviata“ bedeuten kann, so gut, dass es scheint, eine ganze Inszenierung, alle Personen und ein ganzer Orchesterapparat folge einem Piano, eben weil es unter den Tausenden so singulär ist: Dem Jennifer Birds. Ja, mehr noch, alles denkt und handelt von ihrer Stimme aus. Sie gibt den Einsatz, schlägt den Takt, wählt die Nuancierungen. Sie erzählt von „jener Liebe, die der Pulsschlag des ganzen Universums ist“. Das ist ihre Geschichte, ihre gelebte Erfahrung als Violetta Valéry. Eine Frau, die Kurtisane ward, um ihre Würde zu behalten. Ob in den mit unbeschädigter sexiness vorgetragenen Acuti des ersten Akts, den mit juveniler Liebesprache aufgeladenen tieferen Phrasen, den schillernd umschlingenden Koloraturen, den von Innen her implodierenden verzweifelt-liebenden Seelenschreien, in dem ohne Gefühl ausgeseufzten „Giorgio Germont“ oder im terrormimetischen „la credula speranza“. All das umgibt eine atmende Aura von Dignitas. Bis zum Tod behält sie die, wie es die Philharmoniker unter „GMD“ Stefan Klingele noch in dem konträr zu Interpretationen, die den Todesmarsch einfach wie ein weltliches Endgericht hineinscheppern, erklingen lassen können. Äußerst fein, dabei aber unprätentiös legen sie das morbide musikalische Gefälle bereits in den Vorspielen frei. Auch die diffizilst angelegte Arienbegleitung bei „È strano, è strano“ und „Addio del passato“ erweitert sich kongenial mit der in tonalen Linien und Geraden den Raum erschließenden Stimme Birds. Hin zu einer zärtlich gebauten Innenarchitektur von klarster Formensprache, wie sie der kammerspielartigen Anlage von Richters Inszenierung aus dem Jahr 1999 voll entspricht. Hier herrscht selten gewordene Intimität. Aggressive Übergriffe wie bei Bieitos Gewalttheater in Hannover (jetzt Stuttgart) oder Repertoirelangeweile wie in der Hamburger Traviata sind hier per se ausgeschlossen. Was auch in dem schauspielerischen Ingenium sämtlicher Darsteller begründet liegt, insbesondere natürlich das der Protagonistin. Es ist keine einfache Sache auf der Bühne zu sterben, den verklärten Tod auch zu zeigen. Aber die Bewegung Violettas vom Bett zur Vorderbühne geht unendlich nah. Jeder weiß, dass Theater letztlich ein Geheimnis ist. Doch hier wird es öffentlich: Der „Film“ ist zu Ende. Theater bleibt. Ist weiter präsent und spürbar. Violetta steht vor dem Vorhang. Und es ist einem schon etwas zu nah, wie sie da steht. Unweigerlich denkt man an Gemälde aus der Bildenden Kunst, etwa das der Mona Lisa, die dem Stimmgesicht Jennifer Birds in so frappanter Weise ähnelt: Wie es einen still anlächelt und dabei nicht zu lächeln scheint. Und wie nahe man ihm bekanntlich zu kommen vermag, so behält es stets das Moment einer magnetischen Ferne.


Wolfgang Hoops - red (hamburg) / 7. November 2006
ID 00000002783
Bremer Theater
Theater am Goetheplatz


Giuseppe Verdi
LA TRAVIATA


Stefan Klingele
Musikalische Leitung

Ernst-Theo Richter
Inszenierung

Hartmut Schörghofer
Bühne

Gerda Nuspel
Kostüme

Thomas Eitler
Chöre

Jacqueline Davenport
Choreographie

Nächste Termine:
2006: 18.11., 16.12., 30.12., 13.1.
2007: 18.1., 8.2., 26.2., 7.7.

Kartentelefon: Tel. (04 21) 36 53-333

Weitere Infos siehe auch: http://www.bremertheater.com





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