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Theater Bielefeld, 23.April 05

Angekettet

Ergreifend: Werner Schroeter inszeniert Verdis „Don Carlos“ in der Bielefelder Oetkerhalle

Der Messias schwebt wuchtig über der Vorderbühne und hängt in aller Männlichkeit angekettet am Kreuz. Genauso wirken auch die Charaktere in dieser „Don Carlos“-Inszenierung von Werner Schroeter (Regie und Kostüme) wie gekettet an ihre hoffnungslose Existenz:
Philipp II. ist seelisch zerrüttet. Das wird ziemlich schnell deutlich: etwa wenn er mit der Jacke seines Sohnes vorlieb nehmen muss oder sich selbst gar mit einem schmucklosen Blumenkränzchen krönt. Elisabeth fesselt politischer Konsens an diesen auch äußerst repressiv agierenden Herrscher: Ihrer Sandkastenfreundin Gräfin von Aremberg entrissen, um ihre wahrhaftige Liebe Don Carlos beraubt, fühlt ihre Seele sich mehr und mehr so isoliert, wie es ihre bewegend inszenierten Soloauftritte im dritten und vierten Akt offen legen. Hoffnungslos auch der Infant: In sich zerstört bricht er bereits nach seiner Liebeserklärung an Elisabeth zusammen, ohnmächtig und gedemütigt übergibt er während des Autodafés den Degen an Freund Posa und bittet schließlich kniend-flehend zum Himmel.

Singulär fixiert und statisch kommt der Marquis von Posa daher. In Bewegung, Mimik und Kostüm (grauer Anzugmantel und dunkler Filzhut) zeigt sich ein anthropos politikos ohne haptischen Personenkern. Erst im Sterben ändert sich das. Die ichbezogene Intrigantin Prinzessin Eboli offenbart sich zuletzt als ehrliche und geschundene Einzelseele. Jetzt, als sie die Pfauenfeder vor ihrer Augenhöhle entfernt, erblickt man eine nicht zurückgeliebte, zerbrochene Frau. Einzig der Großinquisitor – übermenschlich mit schwarzem Umhang voller Totenmasken und weißer Gewandung – ist ganz autonom, sieht sich jedoch an das grausam gelesene Dogma gebunden. Freiheit ist in diesem wohl düstersten Opernwerk Verdis so nicht zu haben und dennoch das Thema.

Freiheitsentzug hat Vereinzelung zur Folge. Diese kenntlich zu machen, darum geht es Schroeter. Und einsam beginnt der Abend, musiklos: Ein blasses, puppenähnliches Mädchen (Leonie Mimich) im pastellblauen Rüschenhemd, das auch Diego Velásquez’ „Las Meninas“ entstiegen sein könnte, tritt allein auf. Sie spielt Karten, bekreuzigt sich, betet und stirbt. Dabei wird sie von einem im Programmheft als Dämon geführten grünen Quaddelwesen beobachtet. Das exzentrische Monstrum kommt herbei, nimmt das Kind zärtlich auf den Arm und schreitet langsam Richtung Off. Gleichfalls gehend und getragen setzen nun die ersten dunklen Hörnertöne der vieraktigen Mailänder Fassung (1884) ein. Innerhalb des Plots erscheint die Infantin mehrere Male als szenisches Kontrafakt auf der Bühne: Zu Beginn des zweiten und dritten Akts als spielendes und neugieriges Kind und – mit enormer Wirkung – an der Hand des Großinquisitors, während dieser den vergebens nach seiner Tochter greifenden Philipp schelt und Posas Tod fordert. Im Finale verstärkt das vom Unwesen tot hereingetragene Mädchen die schwarze und endliche Sicht Schroeters auf dieses Werk, bei der szenisch im leibhaftig sogar präsenten Karl V. kein utopisches Moment liegt: Ohne Rettung sterben Don Carlo und Elisabeth, begleitet allein von der Musik.

Schroeter kann in seiner die Brüchigkeit menschlicher Interaktion betonenden Inszenierung auf ein durchgängig hervorragend besetztes Ensemble zurückgreifen: Als Philipp II. brilliert Alexander Vassiliev mit sowohl kraftvoll-dunklem als auch dolorosem Timbre. In der Mezzopartie der Eboli besticht Irina Makarova mit Fernweh evozierenden Koloraturen, einer famosen, gleichwie publikumswirksamen Stimmkraft und makellosen Spitzentönen. Mit dem Seil in der Hand schnürt Irina Popova als Elisabeth von Valois die Zuschauerherzen in ihrer Schlussarie „Tu, che le vanità conoscesti del mondo“ enger. Die zwischenzeitlich auch als Himmelsstimme eingesetzte Sopranistin verleiht ihrem Schlusston auf genialische Weise den Ausdruck letztmöglicher menschlicher Klage. Vladimir Chmeloh gibt einen Marquis von Posa mit guter stimmlicher Präsenz und Darstellung – zwischen duraler Virilität und sehnsüchtigem Freiheitsgestus. Zwei Gäste vertreten die Partien des Don Carlos und des Großinquisitors an diesem Abend mit Bravour: Alfred Kim singt einen Don Carlos mit präziser Deklamation und wunderschönem Höhenregister, Dieter Hönig einen bös routinierten und stimmmächtigen Großinquisitor.

Diese grandiose Inszenierung wird gestützt und ermöglicht durch einen exzellent erarbeiteten Orchesterklang. GMD Peter Kuhn weiß die Modernität dieser Partitur zu betonen, etwa indem da ein Paukengewitter aufbraust, akustische Fragmentblöcke aus dem Holz huschen oder eine sorgsame Ausgestaltung der Gruppen-Orchestrierung aufhorchen lässt. Gerade auch im Tuttiklang entfaltet sich in der Oetkerhalle eine enorme Wirkung, ohne die Singstimmen zuzudecken. Verdis Verdikt zu dieser vieraktigen Fassung „mehr Straffung und mehr Kraft“ bringt die schlüssige komprimiert-expressive Klangpräsentation Kuhns am Besten auf zwei Nenner.


Wolfgang Hoops - red / 26. April 2005
ID 00000001865

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bielefeld.de/goto/home/






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