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Theater- Feuilleton
Deutsche Oper am Rhein, Düsseldorf

Akkumulation des Grauens

Nachtschwarze Version von „Il trittico“ in Düsseldorf

In jüngster Zeit häufen sich die Neuproduktionen des kompletten, auf deutschen Bühnen lange nicht heimisch gewordenen „trittico“ von Giacomo Puccini. Nach Karlsruhe am Ende der vergangenen Spielzeit und Oldenburg zum Auftakt dieser Saison (wir berichteten) präsentierte nun die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf das Triptychon in einer Inszenierung von Dietrich Hilsdorf. Die von Puccini vorgesehene Abfolge von „Il tabarro“, „Suor Angelica“, „Gianni Schicchi“ stellt Hilsdorf zu der Reihe „Gianni Schicchi“, „Suor Angelica“, „Il tabarro“ um. Das entspricht nicht nur der Chronologie der Stücke von 1299 über das Ende des 17.Jahrhunderts bis zum frühen 20.Jahrhundert, sondern ergibt vor allem eine stringente dramaturgische Linie in der Schau auf eine Welt, die Stück für Stück in Barbarei versinkt.

Die Tür, die in „Gianni Schicchi“ noch in das freie Florenz führt, hat Bühnenbildner Johannes Leiacker für „Suor Angelica“ schon halb zugemauert, während aus dem großen Fenster ein Lichtschacht geworden ist, der in „Il tabarro“ sich schließlich zu verschmutzten blinden Bullaugen verwandelt hat. Sie stehen für nichts mehr außer der Gewissheit einer infiniten Fortsetzung der Trostlosigkeit des Drinnen im Draußen. Dem entspricht die zunehmende Verengung der Handlungsspielräume für die Menschen. In „Gianni Schicchi“ erlauben noch ein genial-dämonischer Schelmenstreich und jugendlicher Zukunftsglaube den vorübergehenden Ausbruch aus einer in Habgier erstarrten Gesellschaft, über die Hilsdorf bei aller egozentrischen Vitalität der Charaktere einen Schleier von Leblosigkeit ausbreitet. Doch schon in „Suor Angelica“ steht dem Opfer nicht einmal mehr die Zuflucht in religiöse Transzendenz offen. Bei Hilsdorf streckt am Ende ein fahler Engel der um Erlösung flehenden Mutter eine Totgeburt entgegen – Höhepunkt einer von der Fürstin und der sich auf ihren Krücken spinnenartig fortbewegenden Äbtissin arrangierten Intrige. Diese Interpretation des Finales korrespondiert brillant mit dem unwahr wirkenden, im schlechten Sinne theatralischen Getöse von Puccinis Musik zur Erlösungsvision der Nonne. An die Stelle von Komplott, Niedertracht und Verrat lässt Hilsdorf in „Il tabarro“ eine offene animalische Brutalität der Figuren treten. Jegliches Aufbegehren ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, die allgemeine Barbarei zu einem fatalistischen Weltgefühl gesteigert. Auch hier sucht Hilsdorf kongenial die Nähe zur Musik. Die Partie der Giorgetta, der Puccini keine eigene Arie mehr zugestanden hat, endet in gellenden Entsetzensschreien, als ihr aus dem Mantel des Gatten der tote Buhle entgegenrollt. Die sinnlose Selbstvernichtung des Menschen in der ausweglosen Hölle der Mitmenschen versagt alle musikalische Sinngebung, Musik gelangt an das Ende ihrer Mitteilungsfähigkeit. Ein ungeheuerliches Stück – und unter Hilsdorfs Regie stupender Höhepunkt eines großen Puccini-Abends!

Therese Waldner, die sowohl Angelica als auch Giorgetta gibt, ist vom bloßen Stimmmaterial her keine ideale Puccini-Sängerin. Für Angelica klingt ihr Sopran etwas zu rauchig und besonders während des ersten Teils von „Senza Mamma“ macht sich ein unmäßiges Flackern störend bemerkbar. Aber solche Einwände verlieren weitgehend ihr Gewicht angesichts der interpretatorischen Tiefenschärfe ihrer Rollenportraits von exemplarischen Rang, einer Tiefenschärfe, die ihr besonders als Giorgetta verblüffende und überaus berückende Ausdrucksgesten gerade auch im Gesang ermöglicht. Düsseldorfs GMD John Fiore trägt seine Sänger auf Händen und zelebriert die Partitur mit einem im Repertoirebetrieb selten gewordenen ebenso sichtbaren wie im musikalischen Resultat hörbaren Genuss. Fiores eigenwillige Tempi stoßen bisweilen an die Grenzen der Partitur, etwa in seiner sehr straffen Lesart der ersten Hälfte von „Suor Angelica“, dienen aber stets der Unterstreichung des Bühnengeschehens. Eine geschlossene Ensembleleistung, aus der Sergej Khomovs beherzter Rinuccio und der sinistre Heldenbariton Mikel Deans in der Rolle des Michele herausragen, trägt eine Produktion, die „Il trittico“ als den in größter volkstümlicher Beliebtheit stehenden Opern Puccinis mindestens ebenbürtig ausweist.

chr.t. - red
Besuchte Vorstellung: 23.11.2003

Siehe auch:
Puccinis "Triptychon" am Oldenburgischen Staatstheater: Von der Sehnsucht nach einem besseren Leben. Viel Opernglück mit Puccinis Triptychon in Oldenburg – aber Niedersachsens Kulturpolitik riskiert den Theaterstandort


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