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Feuilleton


Studiobühne Köln, 13.09.2008

Torquato Tasso

Johann Wolfgang Goethe


Zur Spielzeiteröffnung in der Kölner Studiobühne hat sich die freie Theatergruppe c.t. 201 ein Stück vorgenommen, das ausgesprochen selten auf der Bühne zu sehen ist. Goethes „Tasso“ ist ein Künstlerdrama, d.h. es geht vor allem um den Dichter und sein Werk. Zwischen den Figuren entspannen sich da herzlich wenig Konflikte, was das Stück als wenig geeignet für eine Aufführung erscheinen lässt.
Mit wenig Mitteln setzen Dietmar Kobboldt und Tim Mrosek „Tasso“ auf der Bühne um. Fünf durchsichtige Stühle und ein Haufen Luftschlangen, die Seiten schwarz abgehängt und hinten eine Opera. Einer der Stühle muss immer frei bleiben, weil er dem Fürsten Alfons vorbehalten ist. Macht jemand dennoch Anstalten, sich zu setzen, wird er ermahnt. Alfons selbst tritt als Figur nicht auf, sein Erscheinen wird von den vier anderen Schauspielern nur gespielt.
Die Inszenierung setzt einiges an Vorwissen heraus. Als Zuschauer, der nicht mit Goethes „Tasso“ vertraut ist, ist es schwierig, sich zurechtzufinden. Die eigentliche Ursache des Konflikts zwischen Tasso und Antonio bleibt ebenso unklar wie die Bedrohung, die sich am Ende für Tasso ergibt. Hermetisch bleibt auch der Kunstdiskurs, in den Goethe sich mit diesem Werk einschreibt und der im Stück von der antiken Dichtung über den Dichter Tasso am Hofe eines italienischen Renaissancefürsten bis zur Gegenwart des Stückautors führt. Und so richtig, scheint es, will sich die Inszenierung auf diesen Kunstdiskurs auch nicht einlassen, sie lässt ihm nicht den Raum, den er ihm Stück hat.
Vor allem um die Sprache geht es. Mit der haben die Darsteller zu Beginn allerdings ihre Probleme. Allzu hölzern und wenig elegant gestaltet sich so die erste Viertelstunde. Erst im Laufe der Zeit fassen die Schauspieler Zutrauen zum Text und machen ihn sich zu eigen. Schön ist, dass die Konzentration auf Goethes Worte an eigenen Stellen unterlaufen wird, etwa beim gemeinsamen Teetrinken von Prinzessin und Tasso: Sie unterbricht seine Rede durch banale Fragen, er hört ihr nachher mit einem leicht variierenden „mmhh“ zu. Da wird die hehre Rede ein wenig gebrochen. Gleiches gilt für die Textdreher, die absichtlich eingebaut und durch den Einwand „Quatsch“ korrigiert werden. Ein wesentliches Mittel der Inszenierung sich zudem Lieder, die a capella gesungen oder gesummt werden. Ein „Somewhere“ aus Bernsteins West Side Story“, das Prinzessin und Tasso gemeinsam zusammen, markiert so einen imaginären Platz, an dem die beiden zusammenkommen können. Allerdings ist es dann irgendwann auch zu viel des Guten, ebenso wie bei den vielen verschiedenen Lichtstimmungen.
Lea Kaiser spielt die Fürstin als eine Figur, die mal souverän und mal ein kleines Kind ist, das ausrastet und nur durch Gesang wieder zur Ruhe gebracht werden kann. Auch ihre Kleidung, u.a. ein weißer Kapuzenpullover, unter dem es sich herrlich verstecken lässt, hat wenig Herrschaftliches, aber viel jugendlich Rebellisches. Aus einem Gespräch, das Antonio und die Hofdame Leonora an einer Stelle im Hintergrund führen, lässt sich schließen, dass die Prinzessin an einer Art psychischen Störung leidet. Sunga Weinecks Antonio ist ein abgeklärter Geschäftsmann im Anzug, dem Tassos Wesen fremd bleibt. Hier prallen offensichtlich zwei verschiedene Welten aufeinander. Manuel Mosers Tasso ist zunächst sehr vergeistig unterwegs, in Weiß gewandet (wie alle anderen) und mit bekränzter Stirn. Später wird er durchaus handgreiflich, was der Figur gut tut. Die handfesteste Figur am Hofe Ferraras ist Leonora, die Wiebke Kuttner als schwärmerische, aber letztlich doch vor allem patente Frau überzeugend verkörpert.

Eine Frage bleibt: Woher kamen die Luftschlange? Es hätte der konzentrierten, aber auch anstrengenden Inszenierung gut getan, ein bisschen auszubrechen aus der Form, ein bisschen mutig zu sein. Zugegeben, die Luftschlangen werden benutzt: Die Prinzessin und Leonore winden daraus zwei Kränze und später vereilt die Prinzessin sie in einem Wutausbruch über die Bühne. Aber irgendwie wäre es nett gewesen, wenn jemand damit gespielt hätte, um dem Abend neben der gelegentlich hermetischen Intellektualität auch etwas Lockeres, Verspieltes, Leichtes zu geben.


Karoline Bendig - red / 22. September 2008
ID 4010
Johann Wolfgang von Goethe
Torquato Tasso

Inszenierung und Bühne: Dietmar Kobboldt und Tim Mrosek
Mit: Lea Kaiser, Wiebke Kuttner, Manuel Moser, Sunga Weineck

Premiere am 10.09.08, weitere Termine: 23., 25., 26., 27., 28. Sep., 20:00h

Weitere Infos siehe auch: http://www.studiobuehne-koeln.de





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