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Aalto-Musiktheater Essen

Giuseppe Verdi: La forza del destino


Premiere am Aalto-Musiktheater Essen am 10.03.2007

Bemerkenswerte Dinge tun sich im Essener Aalto-Theater: Anstatt mit der Ouvertüre beginnt der Abend mit der Schlüsselszene aus Verdis „Macht des Schicksals“. Alvaro und Leonora wollen fliehen, der Marchese von Caltrava, Leonoras Vater, entdeckt sie und versehentlich löst sich ein Schuss aus Alvaros Waffe, der den Marchese tödlich verwundet. Nach dieser Eröffnungsszene senkt sich der Vorhang und in diesem Vorgang beginnt die Ouvertüre. Ein Schriftzug erscheint: „Die Macht des Schicksals“.
Diese Oper gehört zu den eher unübersichtlichen Werken Verdis: ein zufälliger Mord, Krieg, Kirche, zwei Feinde, die einander das Leben retten und sich dann doch der Ehre wegen duellieren müssen, eine unglückliche und unerfüllte Liebe, hungerndes Volk, Handlungssprünge von einem und fünf Jahren. Dietrich Hilsdorf, der in Essen bereits für einige Verdi-Inszenierungen verantwortlich zeichnet, hat zusammen mit seinem Dramaturgen Norbert Grote versucht, Licht in die krude Handlung zu bringen.
Alle Szenen spielen in derselben Kulisse: einem weitläufigen Raum in der Villa der Clatravas, in dem auch der Marchese erschossen wird. Im zweiten Bild wird er durch ein paar Tische zu einer Gaststätte umgerüstet, in deren Mitte mit einem Eselskarren der Sarg gezogen wurde, in dem Leonoras Vater liegt. Später werden lauter Feldbetten aufgestellt und die hohen Türen sind mit Brettern vernagelt, um dem Feind standzuhalten. Auch die Höhle, in die sich Leonora aus der Welt zurückzieht, befinden sich direkt unter diesem Raum. Ab der zweiten Szene steht hier auch eine Statue der Mutter Gottes, die Pilger zurückgelassen haben. Die Handlung wird also gewissermaßen in den Raum hineingetragen. Und im Hintergrund regnet es unentwegt. Einmal geht draußen eine Figur in goldenem Gewand und mit gewaltigen Flügeln einher. Das ist allerdings einer der wenigen Momente, in denen sich Hilsdorf einer übermäßig symbolischen Bildlichkeit bedient.
Hilsdorf setzt auf das Thema Verwechslung und Ähnlichkeit: Alvaro umarmt die Dienerin, weil er sie für Leonora hält. Leonora trägt im Duett mit ihrem Liebsten wie dieser ein weißes Hemd und eine braune Reithose. Die Männer in Leonoras Leben bedürfen dabei einer Augenmaske. Alvaro trägt sie, als er zu Beginn in das Haus der Caltravas eindringt und Leonora entführen will: der klassische maskierte Eindringling. Don Carlos trägt sie, kurz bevor er dem wieder genesenen Alvaro seine wahre Identität offenbart und diesen zum Duell fordert. Er benutzt die Maske, um sich demaskieren zu können. Und der Marchese schließlich verwendet sie, wenn er als Padre Guardiano seine Tochter ihrem Schicksal übergibt: Mit einem Schwert in der Hand und in Uniform wirkt er wie Justizia in Person. Eine weltliche Macht, aber ganz sicherlich keine geistliche.
Durch die inszenatorische Entscheidung, dass Leonoras Vater zugleich der Prior des Klosters ist, in dem sie Zuflucht sucht, wird das Spiel von Verwechslung, Ähnlichkeit, gegenseitigem Erkennen auf die Spitze getrieben. Das macht durchaus Sinn und führt zu der bestechenden Sichtweise, dass Leonoras Entscheidung, sich bis zu ihrem Tod der Öffentlichkeit zu entziehen, ebenso eine Selbstbestrafung wie eine Bestrafung durch ihren Vater ist, der sie in ihr Exil überführt. Sinnig auch das Ende, wenn die Identität von Padre und Marchese den letzten Worten: „Mein ist die Rache“ einen besonderen Zynismus verleiht. Der Vater triumphiert über die unstatthafte Liebe seiner Tochter, auch um den Preis, dass seine beiden Kinder sterben und sein Sohn mit seinem letzten Atemzug eine sinnlose Ehrentat begeht.

Aber trotz all dieser Bemühungen, Licht ins Dunkel zu bringen und die Handlung stringenter zu gestalten, bleibt „Die Macht des Schicksals“ auch in Hilsdorfs Regie ein Zwitterwerk, dessen Dramaturgie nicht vollends überzeugen kann – die Musik allerdings umso mehr. Und so schwelgen Stefan Soltesz und sein Orchester in den einprägsamen Melodien, die Verdi für „La forza del destino“ komponiert hat. Die Sänger haben keinerlei Mühe, sich über den vollen Orchesterklang hinweg hörbar zu machen – zu nennen sei hier beispielhaft Frank Porrettas durchsetzungsfähiger Tenor –, und auch der Chor zeigt sich gut disponiert. Musikalisch weiß die Aufführung zu überzeugen.

Giuseppe Verdi
La forza del destino
Oper in vier Akten

Libretto von Francesco Maria Piave und Antonio Ghislanzoni nach dem Drama „Don Álvaro o La Fuerza del sino“ von Ángel de Saavera, Herzog von Rivas

Musikalische Leitung: Stefan Soltesz
Inszenierung: Dietrich Hilsdorf
Bühne: Johannes Leiacker
Kostüme: Renate Schmitzer
Choreinstudierung: Alexander Eberle
Dramaturgie: Norbert Grote

Marchese von Calatrava: Marcel Rosca
Donna Leonora, seine Tochter: Karine Babajanian
Don Carlos, sein Sohn: Ks. Károly Szilágyi
Alvaro, ein Fremder: Frank Porretta
Melitone, Adjutant des Marchese: Heiko Trinsinger
Preziosilla: Nadia Krasteva
Trabuco, ein Maultiertreiber: Albrecht Kludszuweit
Militärarzt: Andreas Baronner
Ordonanz: Michael Kunze
Eine Mutter mit sechs Kindern: Uta Schwarzkopf
Schickse: Thorsten Hempel

Premiere am Aalto-Musiktheater Essen am 10.03.2007

Weitere Informationen unter: http://www.theater-essen.de/asp/gesamt_einzelstuecke.asp?idperform=1162&sparte=1


Karoline Bendig - red. / 21. März 2007
ID 00000003083

Weitere Infos siehe auch:





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