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Feuilleton


RADIALSYSTEM V

Il pianto d´ Orfeo - Die Tränen des Orfeo


ORPHEUS HEISST JETZT KOBIE


Kennen Sie Francesco Rasi? Nein? Auch ausgepichte Opernkenner dürften hier überfragt sein. Dabei steht dieser Mann am Anfang der Operngeschichte: Exakt vor 400 Jahren war er der Sänger, welcher in der Uraufführung von Claudio Monteverdis genialem ORFEO den sagenhaften Halbgott verkörperte: 1607 in Mantua. Rasis Biografie (um deren Kenntnis sich der kanadische Musikwissenschaftler Warren Kirkendale 1986 verdient machte) könnte gut die Vorlage eines Hollywood-Films abgeben, der Sänger identifizierte sich mit Orpheus, dessen Gesang alles verzauberte. Rasi, am 14. Mai 1574 in Arezzo geboren, war Dichter, Komponist und vieles mehr, ein Abenteurer, begehrt von Damen wie Fürsten, und ein Mörder: 1609 verurteilt zu Galgen und Vierteilung, konnte er sich durch Flucht entziehen. Später wurde er sogar fürstlich begnadigt, veröffentlichte weiterhin Dichtungen und Kompositionen, hochgeehrt. Und des „göttlichen Maestro“ Monteverdis Opern-casting glich einer veritablen Referenz: Denn damals komponierte man nicht abstrakt für ideale Stimmen, sondern für das konkrete Können bestimmter Künstler. Die bis heute nur schwer zu bewältigende Orfeo-Partie fordert jedem Tenor alles Erdenkliche ab was ein Künstler nur zu leisten imstande sein könnte, sowohl technisch als ausdrucksmäßig. Noch jetzt sind alle ORFEO–Aufführungen insofern eine Hommage für jenen Francesco Rasi, mit dessen Kunst sich seine Nachfolger zu messen haben. Nur sehr wenigen gelingt dieses rundum, mir fallen höchstens vier Namen für den Zeitraum der letzten fünfzig Jahre ein. Der aktuelle Name lautet: Kobie van Rensburg.



Il Pianto d´ Orfeo (c) Ida Zenn


Auch Rensburg ist vielseitig. Für das Radialsystem V in Berlin hat er sein selbst zusammengestelltes CD-Programm IL PIANTO D´ORFEO (von 2006) nun szenisch kreiert. Die Geschichte des Orpheus wird als musikalisches Monodram vorgeführt: die Soloszenen des Orfeo aus Monteverdis Oper sind mit einzelnen Musikstücken und Gesangsszenen anderer italienischer Meister der Zeit ergänzt, eingefügt ist auch eine Passage aus Marc-Antoine Charpentiers Orphée-Kantate. Was musikalisch überzeugt, bleibt dramaturgisch – zumal für eine Inszenierung – unzulänglich. Dürftig gerät denn auch die dezente Visualisierung des Geschehens mit angedeuteten Aktionen und den phantasievollen Schrift- und Bildeinblendungen des Lichtdesigns.

Die Choreographie von Norbert Steinwarz vermag der Dominanz Kobie van Rensburgs wenig entgegen zu setzen, der großartige Tänzer Manuel Alfonso Pérez Torres bleibt diesmal als Alter Ego des Orfeo ebenso blass wie sogar Laurie Young als Euridice. Singt Orfeo von Liebe? Er singt von seiner Liebe, von seinem Schmerz. Euridice bleibt nicht nur stumm, sondern auch am Rande. Euridice ist bloßer Anlass für Orfeos Tränen, mehr ist sie nicht. Eine typische (Hetero-) Männergeschichte, aber das war wohl nicht intendiert. Erst im zweiten Teil erreichen die szenischen Lösungen etwas Lebendigkeit: Vor allem Orfeos´ bewegende Fahrt aus dem Totenreich zurück ins Glück, Euridice an seiner Seite, zuerst im Auto, dann auf dem Motorrad, eine wunderbare Pantomime in filmischen Negativ-Bildern. Am Ende gibt’s dann doch ein Duett, aber Euridice ist da bereits für immer verloren: Matthias Vieweg singt mit hinreißendem Bariton den Vater Apoll, der Orpheus verklärt. Eins der schönsten Männerduette der Musikgeschichte, doch Orpheus´ mythische Erfindung der Knabenliebe ist hier nicht gemeint. Warum aber ein Licht-Kreuz das Ganze in christliche Heils-Assoziation ziehen muss, wird Regisseur Rensburg nie zu beantworten vermögen. Regieführende Sänger oder singende Regisseure, beides bleibt etwas Halbes.

Der Abend ist dennoch erstaunlich. Kobie van Rensburg fast zwei Stunden non stop. Sängerisch ist diese Darbietung wohl kaum zu übertreffen, er gestaltet das Schicksal des Orpheus in allen Facetten mit überwältigender Intensität und Schönheit, ob Liebesglück, Zärtlichkeit, Verzweiflung, Sehnsucht, jähe Wut oder Aufbegehren, ob unbändige Freude, Jubel und ekstatische Verklärung – der kraftvolle Tenor mit dem männlichen Timbre verfügt jederzeit über die stimmlichen Mittel, um Ausdruck, Farben und Akzente mitreißend einzusetzen, sanft oder rau, schneidend oder leise. Er vereint alles, was die Rolle fordert, und beweist wieder einmal, dass Singen eine Kunst ist, bei der es um menschliche Bereiche geht, die jeden berühren. Liebe, Revolte, Begeisterung, Tod. Kantilene und Koloratur werden zum existentiellen Ereignis. Die Freude des Orpheus, mit seiner Geliebten zurück in ein neues Leben eilen zu dürfen, habe ich noch nie so fröhlich, so: beglückend erlebt!

Das Instrumentalensemble steht dem in nichts nach, Sänger und Orchester scheinen sich gegenseitig zu steigern. Wolfgang Katschner hat seine LAUTTEN-COMPAGNEY in den Jahren ihres Bestehens schnell zu einem der führenden Ensembles Alter Musik gemacht, ihre Produktionen bereichern unsere Welt mit originellen Programmen. Ihre Interpretation ist stets sinnlich, ohne dabei in Effekthascherei zu verfallen oder sich in Manieriertheiten zu versteigen. Falls die Frage bestanden hätte, wäre sie einfach zu beantworten gewesen: diese Musiker sind den Hausherren von der Akademie für Alte Musik ebenbürtig.

Passenderweise also findet die Aufführungsserie von PIANTO D´ORFEO mit diesem vierhundertjährigen Opernjubilar zum einjährigen Jubiläum des Radialsystem V statt, wo das Tanzensemble von Sascha Waltz & Guests mit der Akademie für Alte Musik gemeinsam residiert. Ein guter Griff: ging es damals doch um die Gleichberechtigung der beteiligten Künste und geht es darum doch auch an diesem Ort heute. Bestimmt einer der schönsten der Welt. Ein Elysium der Gegenwart, die Spree spielt Styx, etwas Vergessen spielt auch mit, und die Künste gedeihen in wunderbarer Konzentration, doch bleibt die Stadt mit Industrie, Verkehr und Gewerkschaftstreiben präsent. Glücklich, wer sich den Eintritt hier leisten kann.


Olaf Brühl - red / 13. September 2007
ID 3435

Nächste Vorstellungen: 12. und 13. September, je 20 Uhr

RADIALSYSTEM V
Holzmarktstrasse 33
10243 Berlin

Karten von 17,10 bis 44,95 Euro, Kinder 10,70 Euro


Kobie van Rensburg, Regie, Dramaturgie, Video und Gesang
Lautten Compagney, Leitung Wolfgang Katschner
Norbert Steinwarz, Choreographie
Manuel Alfonso Pérez Torres, Laurie Young, Choreographie und Tanz

Weitere Infos siehe auch: http://www.radialsystem.de/rebrush/text93.php





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