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Feuilleton Theater

Bremer Theater

Wagner in der Elendsgesellschaft des 21.Jahrhunderts angekommen

Tannhäuser in Bremen: Tilman Knabe erkundet die präfaschistische Gegenwart
Nur das Musiktheater kennt solche unvergesslichen Augenblicke bedrückender Intensität, wie sie der neue Bremer Tannhäuser zu Beginn des 3.Aktes heraufbeschwört: Wenn sich zum musikalischen Höhepunkt der Orchestereinleitung der Vorhang hebt, wird unter unheildräuenden Klängen eine Art Ghetto für „sozial Schwache“ und andere „missliebige Personen“ sichtbar. Ein Schreckensbild der deutschen Gesellschaft um 2030, ein bestürzender Ausblick in unsere mit den Sozialreformen soeben begonnene Zukunft. Ort des Geschehens ist die zu einer wilden Müllkippe verwandelte Restruine einer Kirche (Bühne: Beatrix von Pilgrim). In Papp- und Plastikzelten kauert hier - dem Tun und Treiben der religionsfreien Geschäftscity wohlverborgen - die Gemeinde der aus der Solidargesellschaft Vertriebenen: Alte, Kranke, Arbeitslose. In ihrer Mitte Wolfram, Venus und Elisabeth. Die Tochter aus dem Establishment und die Fixerin vom Drogenstrich verbindet schon seit dem 2.Akt neben der Liebe zu Tannhäuser eine rücksichtsvolle Zärtlichkeit füreinander. Jetzt führen sie als alte Frauen die von Elisabeth organisierte Armenspeisung durch. Während die Dünste ihrer faden Suppe einigen im Publikum schon leichtes Magengrimmen bereiten, strecken die hungrigen Gestalten auf der Bühne ihre leeren Näpfe Elisabeth flehend entgegen.

Anders als Wagner lässt Regisseur Tilman Knabe zwischen dem 2. und 3.Akt einige Jahrzehnte verstreichen, um zu Ende zu denken, wohin sich die präfaschistische Gesellschaft, in der wir jetzt leben und die Knabe im 1. und 2.Akt noch mit distanzierendem Slapstick vorführt, bewegt. Es ist dies kein sofort erkennbarer Hakenkreuz-Faschismus. Etwaige Reminiszenzen daran werden durch eine oberflächliche Political Correctness im Keim erstickt, wie ein einzelner Hitlergruß-Enthusiast zu Beginn des Chores der Ritter und Edlen erfahren muss. - Was hier heraufzieht, ist die rücksichtslose und brutale „Ausmerze“ allen ökonomisch funktionslosen Andersseins und Außenseitertums, bei Knabe idealtypisch vertreten durch Elisabeth (Caritas und weibliche Moral) und Venus (Sinnlichkeit und Mütterlichkeit) sowie durch Wolframs Freundschaftsgeist und Tannhäusers Künstlertum. Zuletzt erschießen die machtbewussten Handlanger des Landgrafen als Saubermänner und unnahbare Betonköpfe im Senatoren- und Politikerlook Elisabeth und Tannhäuser und räumen das Lager, in dem sich eine so Besorgnis erregende Menschlichkeit ausgebildet hatte.

Dieser neue Tannhäuser macht einige Bemerkungen zum Verhältnis von Werk und Inszenierung notwendig. Von Tilman Knabe war von vornherein nicht zu erwarten, dass er in historisierender Manier eine Legende aus dem 13.Jahrhundert präsentiert. Es laufen stattdessen zwei Geschichten gleichzeitig nebeneinander her: die, von der gesungen wird und Knabes Parallelerzählung. Das führt gewiss zu einigen Ungereimtheiten. Warum z.B. versucht Wolfram im 3.Akt seinen Freund Tannhäuser sängerisch noch so vehement von einem Wiedersehen mit Venus abzubringen, wo diese in Knabes Version doch längst schon Aufnahme in die Agape-Gemeinschaft Elisabeths gefunden hat. Andererseits findet Knabe immer wieder Schnittstellen zwischen seinem Erzählstrang und der musikalischen Erzählung, die der Musik eine verblüffende Wirkungssteigerung zuwachsen lassen. Knabe entdeckt Sinndimensionen der Musik, die überhaupt erst unter den Bedingungen unserer Zeit hörbar werden konnten. Man denke nur an das große Erbarmen mit der Elendsgemeinde zu Beginn des 3.Aufzugs. In solchen Momenten wird den Zuschauern die Musik Wagners neu geschenkt! Wer will, kann einen Überhang an Ideen und gelegentliche Defizite in der theatralischen Umsetzung, durch die diese starken Ideen erst ihre bezwingende Aussagekraft erhalten, beklagen. Aber die Richtungsentscheidung stimmt, besonders was die Wiedereinholung der sozialen Wirklichkeit durch die Opernbühne betrifft. Die Musik Wagners taugt eben nicht als Polster behaglichen Ausruhens, Vergessens und Wegsehens.

Obwohl es im Allgemeinen zu Recht verpönt ist, in einer Aufführungsbesprechung das Publikumsverhalten zu schmähen, soll dennoch auf die zahlreichen „Buhs“ besonders während der ersten Aufführungshälfte eingegangen werden. Ein Teil des Publikums tat sich schon zu Beginn schwer mit einem Tannhäuser, der sein Preislied mit einer Bierdose in der Hand zelebriert und einer Venus, die als letzte traurige Flower-Power-Erinnerung müde-verzweifelt um ihren Geliebten kämpft und Hermanns Jagdgesellschaft zur gewohnheitsmäßigen Massenprostitution bereitsteht. Zu den intimsten musikerotischen Eingebungen Wagners im 1.Akt („Besänftigt auf dem weichsten Pfühle...“) erscheinen Venus und ihr Gefolge als Fruchtbarkeitsgöttinnen, die später im 3.Akt efeubekränzt den grünenden Pilgerstab ersetzen. An den Zusammenhang von weiblicher Sexualität und Gebärfähigkeit zu erinnern, grenzt in Zeiten des Cybersex schon an einen Tabubruch. Auch Knabes schöner Einfall, den jungen Hirten mit seinem Lied an Frau Holda als Venus’ Sohn auftreten zu lassen, gehört in diesen Zusammenhang. - Doch dann zu Beginn des 2.Aktes der bitterste Moment der gesamten Aufführung: Es hagelt einige scharfe „Buhs“ und auch ein „Pfui“. „Der sozialkritische Unterricht muss ja weitergehen“, zischt es im Publikum, als nicht librettogetreu erneut eine verstörte Venus in der Kirchenruine, die nun zur Festhalle umfunktioniert werden soll, anzutreffen ist. So willkommen, ja notwendig Unmutsäußerungen des Publikums als Ausdruck einer engagierten kritischen Auseinandersetzung mit dem Theaterereignis sonst immer sind, an dieser Stelle haben sie auch eine alarmierende Dimension. Nur vordergründig treffen sie die Darsteller, eigentlich - so ist zu befürchten - drücken sie die Abscheu der Rufer vor den dargestellten Menschen aus und bestätigen damit auf schreckliche Weise die von Knabe gestellte Zeitdiagnose. Die ästhetische Konsequenz aus dieser Erfahrung kann aber nur lauten: Die Oper muss weiterhin das zeigen, was wir nicht mehr sehen und wissen wollen.

Einen rabenschwarzen Tag erwischt Paul Lyon als Tannhäuser. Am Premierenabend offensichtlich indisponiert zeigt er sich den gefährlichen Klippen seiner Partie kaum einmal gewachsen und enttäuscht durchgehend mit einem glanzlosen, trockenen Gesang. Birgit Eger erobert als Elisabeth die Herzen der Zuschauer mit einem sängerdarstellerischen Porträt voller Expression, Kraft und Anmut. Nur ein zu starkes Vibrato macht sich gelegentlich störend bemerkbar. Mit sinnlich warmen Farben gestaltet Barbara Schneider-Hofstetter routiniert ihre Venus. Armin Kolarczyk wertet die Partie Wolfram von Eschenbachs durch seinen elegant geführten Bariton noch erheblich auf. Der von Thomas Eitler präzise vorbereitete Chor und Extra-Chor des Bremer Theaters garantiert - Nietzsche zum Trotz - , dass die Pilgergesänge nicht „schwitzen“. GMD Lawrence Renes und die Bremer Philharmoniker kosten die instrumentalen Valeurs der Partitur voll aus und dringen immer wieder bis zum Klang-Optimum vor.

chr.t. - red / 30. März 2004

Die nächsten Aufführungen: 4., 9., 16. und 30.April.
Kartentelefon: (0421)-3653-333

siehe auch: http://www.bremertheater.com/




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