Julian Crouch / Phelim McDermott: Der Struwwwelpeter (Deutsches Schauspielhaus Hamburg)
nach Dr. Heinrich Hoffmann
mit der Musik von The Tiger Lillies
wieder Deutsch von Andreas Marber
Alles Schräge
ist nur ein Gleichnis,
in Hamburg
hier wird's Ereignis,
das Unbeschreibliche
hier wird es getan.
Kultige Kunstwelten
ziehen uns hinan.
Ab sofort muss der Hamburger Struwwwelpeter zum erlauchten Kreis der besten Inszenierungen der Spielzeit 2000/2001 gezählt werden!
Alles, was ein vergnüglicher Theaterabend braucht, haben die britischen Autoren Julian Crouch und Phelim McDermott in die Londoner Produktion "Shockheaded Peter" gesteckt. Das Erfolgsstück besteht im Kern aus Episoden des brutalen Kinderbuch-Klassikers.
Doch die Autoren verlagern die Geschichten von übermütigen und unbelehrbaren Kindern, die durch ihren Ungehorsam zu Tode kommen, in ihrer Bühnenfassung in die schrille Welt eines großmäuligen und abgetakelten Theaterdirektors (Alexander Simon). Seine Ankündigung, wonach das Schauspiel nichts für schwache Menschen sei, die ihre Flüssigkeiten nicht halten können, und vor allem seine abfälligen Bemerkungen über Kinder, machen sofort klar, dass er eine schmierige Mephisto-Variante ist. Andreas Marber, der das Spektakel ins Deutsche rückübertragen hat, lässt ihn auch gerne aus Goethes Faust zitieren.
Der Theaterdirektor führt als Conférencier durch eine bizarre Theateraufführung, die in der deutschsprachigen Erstaufführung, insbesondere wegen der Licht- und Schatteneffekte, den Geist Bob Wilsons in einem Puppenhaus beschwört.
Das Bühnenbild und die Kostüme entführen in die Entstehungszeit des Kinderbuchs, allerdings gerät die heile Welt bürgerlicher Lebensart auf der Bühne zur Horrorshow.
Nachdem sich der Vorhang hebt, ist zunächst nur der leere, vieltürige Raum zu sehen, der aus den Illustrationen zur Geschichte vom Daumenlutscher bekannt ist. Es werden Möbelstücke aus Pappmaché plaziert, und gleichzeitig verkündet ein gediegener Ehemann, dass dem perfekten Paar nur noch ein Kind zum Glück fehlt. Prompt erscheint der graue Storch, als lebensgroße Figur von zwei Puppenspielern bewegt, mit einem Bündel im Schnabel.
Obwohl der Theaterdirektor die Ähnlichkeit zwischen Eltern und Struwwwelpeter-Baby lobt, entledigt sich das enttäuschte Paar des hässlichen Kindes, indem es unter die Diele gestopft wird.
Die Brutalität solcher Szenen erfährt in der visuellen und verbalen Erzählweise sogar noch Steigerungen, die aber durch überspitzte und überraschend drastische Darstellung und vielseitige Verwendung von Puppen stets zum Lachen verleiten.
Eine chamäleonartige Chanteuse (Wiebke Puls) begleitet, einem Moritatensänger gleich, die grausamen Kinderschicksale und die Szenen haarsträubend gewaltiger pädagogischer Fehler. Passend zur Handlung erscheint sie als phantastischer Paradiesvogel, große Maus oder als schillernder Harlekin und unterstreicht mit phantasievollen Kostümen aus Pelz und Federn die bizarre Atmosphäre. Die bis in die Fingerspitzen charismatische Darstellerin spielt mit den selbigen auf dem Akkordeon. Die Sängerin und eine 5köpfige Kapelle untermalen mit unkonventionellen Klängen und abwechslungsreichem, eigenwilligem Musikstil, der teilweise Einflüsse von Tom Waits verrät, das Schreckenskabinett. Die Originalmusik von Martin Jacques, in der englischen Inszenierung von seiner Band "The Tiger Lillies" gespielt, wurde von Hans-Jörn Brandenburg
für das Schauspielhaus mit Feinsinn und Humor bearbeitet.
Das britische Autorengespann vergaß (?) in der Geschichte von Paulinchen, dass das Mädchen nach dem Unglück mit den Streichhölzern von ihren beiden Katzen Minz und Maunz betrauert wird. Auch in der deutschen Version ist auf der Bühne lediglich eine Katze zu sehen. Aber es geht in diesem schwarzen Musical nicht um "Werktreue", sondern um effektvolle Umsetzung grotesker Ideen. Da haben die Autoren, die auch in Hamburg Regie führen, in Kevin Pollard mit seinen Kostümkreationen einen kongenialen Partner. Und so stirbt Paulinchen einen schönen theatralischen Tod in ihrem Flammenkleid.
Innerhalb dieses Theaters im Schauspielhauses verwandelt sich das Bühnenbild zur Geschichte vom wilden Jäger zum klassischen Kasperletheater - diesmal mit handlicheren, aber keineswegs handzahmen Figuren, die in Slapstick und Spieltempo mit jedem brutalen Cartoon mithalten können und das Publikum begeistern.
Zu den kaum noch zu übertreffenden szenischen Ideen gehört die Geschichte des Zappelphilipp. Dieser sitzt als
Schlagzeuger vor seinem Instrumentarium wie vor dem Esstisch und behämmert lebhaft sowohl seine Trommeln als auch Küchengegenstände wie Töpfe, Pfannen und Besteck, die an Fäden herabgelassen werden.
So ist der Musiker ein vollwertiger Mitspieler, der wunderbar im Rhythmus der Musik das von der Chanteuse gesungene Lied vom Zappelphilipp bis zu seinem schnellen Ende furios begleitet.
Während der Song von Hans-Guck-in-die-Luft als Ballade vorgetragen wird, illustriert die Stimme der Chanteuse mit immer höher und piepsiger werdenden Stimme auf lustige Weise das traurige Schicksal des dünner werdenden Suppenkaspars.
Im Schlussbild wachsen aus den Ritzen der Bretter, die die Welt bedeuten, Grabsteine aus Pappe mit den Namen der verstorbenen Kinder. Das ganze ist ein Alptraum der Eltern, die ihr heiß ersehntes Kind mit Erziehungsmethoden eliminieren, weil sie es nicht so akzeptieren wollten, wie es ist. Das schlechte Gewissen plagt sie sehr, und zuletzt sehen sie genau so aus, wie der vermeintlich für immer unter den Dielen beseitigte Sohn. So bewahrheitet sich auf dämonische Weise die Weisheit, wonach jeder das bekommt, was er verdient. Mit der Verwandlung zu echten Struwwwelpeter-Eltern mit langen Fingernägeln und langen Haaren schließt sich ein Kreis.
Die Originalmusik der Tiger Lillies gibt es schon längst auf CD. Es ist wünschenswert, dass die von Hans-Jörn Brandenburg bearbeitete Version in der Performance von Wiebke Plus und ihrer Bühnen-Kapelle auch bald für den Hausgebrauch zu haben ist.
v. - red / 17.11.2000
Deutschsprachige Erstaufführung 10.11.2000 Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Regie: Julian Crouch und Phelim McDermott
Musikalische Leitung: Hans-Jörn Brandenburg
Bühne und Puppengestaltung: Julian Crouch, Graeme Gilmour
Kostüme: Kevin Pollard
Licht: Annette ter Meulen
Musikalischer Berater: Martyn Jacques
Dramaturgie: Andreas Marber
Regiemitarbeit: Julian Kamphausen
Puppenbau: Charlie Kaiser, Constanze Schuster, Michael Meier
mit: Alexander Simon, Edith Adam, Thomas Kügel, Wiebke Puls
Meister des Puppenspiels: Peter Waschinsky
Meisterin des Puppenspiels: Heike Irmert
Die Kapelle: Hans-Jörn Brandenburg, Martin Engelbach, Hardy Kayser, Dirk Ritz, Henning Stoll
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