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Feuilleton


Theater Shinewelt, München, 22.09.2006

Schützenfest

Eine Konstantin Mayer Produktion


Flucht wird nur das Leben kosten

Mit dem Soldatenstück „Schützenfest“ feiert Konstantin Mayer eine Premiere auf der neuen Schwabinger Bühne „Shinewelt“

Von Michaela Gröner
http://www.saltoverbale.de/
Es war ein spannender und wortgewaltiger Abend. Nach einer rasanten zehnwöchigen Tour de Force, während derer der Münchener Konstantin Mayer ein Theater gegründet und sein Drama „Schützenfest“ in freier Produktion szenisch umgesetzt hatte, konnte man sich am Freitag, den 22.09.2006 in der Feilitzschstraße 12 davon überzeugen, was Idealismus in kürzester Zeit doch so alles vermag. Eingenebelt von dicken Rauchschwaden wartete auf den schwarz lackierten Stühlen des einstigen Bel Etage ein interessiertes Publikum auf die Uraufführung des Dramas mit dem allerdings etwas lauen Titel „Schützenfest“.
Bereits im Eingangsbereich wurden herzkranke wie schreckhafte Besucher per Aushang vor dem Einsatz diverser Platzpatronen gewarnt, und Knalleffekte jeglicher Art waren es dann auch, die die Inszenierung maßgeblich bestimmten. Unter der Regie von Florian Berndt konnte man schließlich sechs Berufssoldaten am Vorabend einer belastenden Mission erleben. Sechs junge Männer nämlich, die tags darauf einen der ihren zu richten haben würden, einen Deserteur, dem laut geltendem Ausnahmezustand die standrechtliche Erschießung droht. Dass dieser Auftrag einige von ihnen vor keinerlei moralisches Dilemma stellt, während andere ganz unverhohlen über Befehlsverweigerung nachdenken, liegt in der Natur der Sache. Vom Aufbau her also durchwegs ein klassisches Drama um den etablierten Konflikt von Individualethik und Staatsräson. Vom Anspruch jedoch weitaus mehr, denn der Autor, zugleich Intendant und Hauptdarsteller in Personalunion, distanziert sich deutlich vom erhobenen Zeigefinger, mit dem seiner Ansicht nach die landläufige „bloße Kriegskritik“ daherkomme. Vielmehr beabsichtige er, Terror und Krieg als Begleitphänomene unseres Alltags mittels Humors zu verarbeiten, eines Galgenhumors freilich, der mancherorts geradewegs über das Ziel hinausschießt. In verbaler Höchstform konnte man im Ensemble denn auch insbesondere Dieter Fernengel erleben, der als lustiges und couragiertes Kerlchen rastlos von einer Pointe zur nächsten jagte und das Publikum mit der angekündigten Prise Witz versorgte. Die wenigen Stolpersteine im Text, wohl dem Zeitdruck des gesamten Projektes geschuldet, konnten angesichts seiner beinahe kabarettistischen Leistung durchaus ignoriert werden. Störend war indes der etwas vorhersehbare Schluss mit dem Prinzip der doppelten Täuschung sowie der eine oder andere massive logische Fehler. So sollte sich beispielsweise nach acht Berufsjahren keinerlei Verwunderung mehr über die eher bescheidene Stuben-Logis einstellen.
Alles in allem hat das Ensemble jedoch eine ganz passable Leistung vorgelegt und es gut verstanden, für die nötige Spannung zu sorgen. Leider hat Konstantin Mayer in jeglicher Hinsicht Wort gehalten und auch sein Ziel, ein jüngeres Publikum anzusprechen, verwirklicht, wurden doch in den Zuschauerreihen bereits Vierjährige gesichtet, die der Inhalt des „Schützenfestes“ durchaus verstört haben dürfte.
„Ein wenig viel“, wird der 25-jährige Theaterwissenschaftler Mayer im MERKUR vom 21.09.2006 bezüglich seines ambitionierten Projekts zitiert und die Rezensentin fügt hinzu, es könne alles zusammen „eventuell sogar ein wenig zu viel“ geworden sein. Mit dem gleichen Recht könnte man jedoch auch von einem Zuwenig sprechen: Denn durch den Verzicht auf die „Zeigefingerkunst“ stellt sich der Autor bewusst abseits eines wichtigen kulturhistorischen Diskurses. Und so hätte eine wie auch immer geartete Bezugnahme zum Beispiel auf das Tucholsky-Wort von den Soldaten als Mördern („Weltbühne“ Nr. 31 vom 4.8.1931) oder auf das Moorsoldatenlied dem Stück gut getan, denn sie hätte an eine literarische Tradition angeknüpft, ohne deshalb notwendigerweise in den Duktus der Dreißiger- und Fünfzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts verfallen zu müssen.
Nach soviel plakativer Lautstärke summt man deshalb leise und nachdenklich auf dem Heimweg die Melodie von Brechts „Lied vom SA-Mann“ und erinnert sich seiner Zeilen von 1931: „So stirbt mir jetzt mein Bruder, ich schlacht ihn selber hin, und weiß nicht, dass, wenn er besiegt ist, ich selber verloren bin“.

Zeilen, die noch heute dafür sorgen, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt – wo es in diesem Fall auch hingehört!


Michaela Gröner / 2. Oktober 2006
ID 00000002710
Theater-Shinewelt, Feilitzschstraße 12, 1. Stock, 80802 München
Laufende Vorstellungen:
Do.-Sa., vom 22.09.2006 bis 14.10.06, 20 Uhr
Reservierung der Karten (€ 13/ € 10) unter
reservierung@theater-shinewelt.de

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-shinewelt.de






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