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Uraufführung: „Simplicissimus Teutsch“, Schauspiel Köln

Nach einem Roman von Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen

Bühnenfassung von Thomas Dannemann nach einer Vorlage von Sören Voima

Der Ort fordert es wohl heraus: Die Wiederbelebung der Halle Kalk als Spielort unter der Ägide von Karin Beier provozierte Regisseure schon zu wahren Marathonsitzungen, die Länge der Abende scheint sich in konsequenter Weise aus der Atmosphäre und dem Charme des alten Industriebunkers zu ergeben. Ein wahrhafter Kunstort eben. Ein fordernder Ort und fordernde Stücke. Auch dieses Mal: dreieinhalb Stunden Simplicissimus.

Der Regisseur, Thomas Dannemann, nutzt die Möglichkeiten, die der Ort ihm bietet. Ein Kirchenraum spannt sich auf, mit Altar, einer rollbaren Madonna und Stuhlreihen, die sich in den Zuschauerraum hinein fortsetzen. Im Laufe des Abends transformiert sich dieser Raum in die verschiedenen Handlungs- und Lebensorte des Simplicissimus, des einfältigen Buben, dessen Lebensgeschichte Grimmelshausen vor dem Panorama des 30-jährigen Krieges darstellt.

Dannemann bleibt erstaunlich nah am Text. Man begleitet den jungen Simplicissimus (sehr gut: Jan-Peter Kampwirth), wie er durch sein Leben stolpert, wie er als Kind sein vermeintliches Elternhaus durch brandschatzende Soldaten verliert, in den Wald flieht und von einem Einsiedler aufgenommen wird. »Wie heißt du?«, fragt dieser ihn, »wie hat dein Vater dich genannt?« – »Bub«. Aufgrund seiner überbordenden Einfalt gibt er ihm seinen Namen: Simplicius. Es folgt ein Kaleidoskop aus Lebensstationen; Verschlepptwerden, das Soldatendasein, in Ungnade fallen und zum Narr werden, Fliehen, Hungern und aus dem Vollen schöpfen, Opfer-Sein und selbst zum Täter werden. Alles vor dem Hintergrund einer total orientierungslosen, entzivilisierten Gesellschaft. Die sprichwörtlichen menschlichen Abgründe tun sich auf. Dannemann lässt dementsprechend sein Ensemble mit reichlich Theatermitteln aufwarten, Kunstblut fließt aus Plastikflaschen, es wird gesoffen und gekotzt. Zum Teil gelingen ihm schöne Momente, in denen sich die ganz eigene Mischung aus groteskem Humor, Absurdität und Grausamkeit, Komik und Tragik des Textes wiederfindet: die Verwandlung des Simplicius in den Narr im Kalbsgewand durch schlichte Stöcke und einen Strick, dessen Inthronisierung zum Jäger von Soest durch das Aufstapeln von Stühlen oder sein Ringen mit einem Bürgermädchen um die rechte religiöse Auffassung, den rechten Halt in totaler Haltlosigkeit. Dannemann findet eindringliche Bilder wie die brennende Kirche und den zum Trommeln verdammten Jungen.

Simplicissimus erscheint als ein in seine Welt und seine Zeit Geworfener. Die Frage einer Entwicklung erübrigt sich, unkapriziös wird die Monstrosität des Krieges als Alltäglichkeit dargestellt. Daher geht es auch nicht immer auf, wenn Dannemann dem jungen Simplicissismus einen alten Simplicissimus an die Seite stellt, der sein Leben rückblickend kommentiert. Dadurch bekommt der Abend teilweise einen allzu moralisierenden Anstrich.

Problematisch wird es auch, wenn es um die Unfassbarkeit des Krieges geht, die Darstellung des Undarstellbaren. Da hilft es dann plötzlich nicht mehr, wenn Stühle als rollende Köpfe durch die Gegend geschleudert werden, noch lauter geschrien wird und noch mehr Kunstblut fließt, da wendet man sich müde ab und wartet bis es vorbei ist, es berührt nicht. An dieser Stelle scheitert Dannemann, den Geschehnissen eine Form zu geben. Es sind Szenen, die anderer Mittel bedurft hätten, anderer Lösungen.
Einiges funktioniert, anderes nicht. Die Qualität des Textes hilft allerdings über manchen Unmut hinweg und Dannemann traut dem Text viel zu – zu Recht. Bei allem »Ekeltheater« geht es um den Text. Die Inszenierung ist eng an der Sprache geblieben, was viel zur speziellen Atmosphäre des Abends beiträgt. Auch die Kostüme changieren kongenial zwischen neuzeitlich und historisierend. Auch dank der starken Ensembleleistung entwickelt man Sympathien für die Figuren, für ihren Willen, sich durchzuschlagen. Begriffe wie »schuldig« oder »unschuldig« verlieren ihren Sinn. In der religiösen Thematik, die den Rahmen des Abends bildet, spiegelt sich weniger ein theologisch fundiertes Weltbild – angesichts einer Welt, die aus den Angeln gehoben ist –, als die Suche nach Identität, Werten, Orientierung und Zugehörigkeit, und in diesem Punkt verbürgt sich die Zeitlosigkeit des Textes.


Es spielen: Hendrik Arnst / Lina Beckmann / Robert Dölle / Omar El-Saeidi / Jan-Peter Kampwirth / Albert Kitzl / Thomas Meinhardt / Murali Perumal / Andreas Schlager / Torsten Peter Schnick / Michael Weber / Musiker: Philipp Haagen

Regie: Thomas Dannemann / Bühne: Stéphane Laimé / Kostüme: Katja Wetzel / Musik: Philipp Haagen / Dramaturgie: Kerstin Behrens / Jan Hein


Halle Kalk SA 07.02., SO 08.02., MO 09.02., DI 10.02. – 19:30 bis ca. 23:30 Uhr


Annette Bendig - red. / 7. Februar 2009
ID 00000004192

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