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Köln, Millowitsch-Theater, 05.06.08

Sein oder Nichtsein

Komödie nach dem Film von Ernst Lubitsch


Dirk Bach | Fotos © Hydra Productions

Die beiden Kölner Privattheater Theater der Keller und Theater im Bauturm haben ihre Kräfte vereint und zeigen als Koproduktion in einem dritten Kölner Privattheater, dem traditionsreichen Millowitsch-Theater, eine Bühnenversion von Ernst Lubitschs Film „Sein oder Nichtsein“. Im Film von Lubitsch probt eine Theatertruppe vor dem Einmarsch der Deutschen ein antideutsches Stück mit dem Titel „Gestapo“. Dessen Aufführung wird ihnen untersagt, nachdem die Deutschen Polen erobert haben. Natürlich lässt sich in einem Theater nett mit dieser Bühnensituation spielen. Und so beginnt die Theaterversion mit einer Probe, der Regisseur stürmt aus dem Zuschauerraum auf die Bühne. Später wird sich Stanislas Subinski, der fesche Flieger und Liebhaber von Frau Tura, aus der ersten Zuschauerreihe herausquetschen und hinter die Bühne gehen. Und das ausgerechnet bei dem großen Dialog, den ihr Mann als Hamlet zu sprechen hat: „Sein oder nicht sein“.


Ensemble | Fotos © Hydra Productions


Der Film hatte den Vorteil der Zeitgenossenschaft, er entstand 1942. Daher ist dem Thema, dass polnische Schauspieler mit ihrer Kunst um ihr Leben spielen und dem übermächtigen Gegner ein Schnippchen schlagen, im Film eine andere Brisanz beizumessen als in einer Bühnenversion, die eine historische Distanz von über 50 Jahren zu den Ereignissen hat. Viele der Stellen, in denen die Aufführung an die Verbrechen der Nazizeit gemahnt, sind nahe am moralinsauren Betroffenheitstheater. Wenn Joachim Berger etwa in seiner Rolle als jüdischer Schauspieler den berühmten Monolog aus Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ rezitiert (Shylocks „Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht“) und er kurz darauf ein jüdisches Lied anstimmt, dann rettet nur seine exzellente schauspielerische Leistung diesen Moment davor, in den Betroffenheitskitsch abzudriften. Auch die Abschlussnummer des Abends ist sehr moralisch geraten und passt nicht zu dem, was sich in der letzten Stunde auf der Bühne abgespielt hat, wirkt eher wie ein Fremdkörper.
Die Inszenierung von Rüdiger Pape findet selten die richtige Mischung zwischen Komik und Tragik und in vielen Fällen bedient sie nur Klischees. Maria Tura und ihr Flieger tanzen Tango, Pelle Pershing gibt einen äußerst schwulen Garderobiere. Sicherlich bringt Letzteres ein paar Lacher, aber es ist einfach nur abgeschmackt und zeugt nicht unbedingt von einer einfallsreichen Regie. Gelungen ist dagegen, wenn alle Beteiligten den Spion Siletzky quer durch das Theater verfolgen. Insgesamt aber entsteht der Eindruck, dass Rüdiger Pape an manchen Stellen nicht weiß, was er will. Wenn Georg B. Lenzen als Tura sich zu Bett begibt und dort auf den versteckten Flieger trifft, dann ist das komisch. Aber zugleich wird noch eine weitere komische Ebene hineingebaut, indem jeder Schritt von Tura musikalisch begleitet wird. Dabei wäre es völlig ausreichend, hier die Boulevardsituation – Ehemann findet Liebhaber im eigenen Bett – damit zu kontrastieren, dass Maria Tura und Stanislas Subinski um das Leben der polnischen Untergrundkämpfer fürchten, weil ein Spion der Gestapo eine Liste mit Namen übergeben will. Alles andere ist zu viel. Das gilt häufig auch für die drei Musiker, die den ganzen Abend über im Rang des Theaters spielen. Mal begleiten sie ein Lied, mal untermalen sie mit ihrem Einsatz die Szenen auf der Bühne. Mal mit Gesang, mal ohne. Das wirkt alles in allem recht unausgegoren.
Rüdiger Pape hat exzellente Schauspieler zusammen, was sich nach kleinere Anlaufschwierigkeiten vor allen Dingen im ersten Teil zeigt. Georg B. Lenzen überzeugt als Joseph Tura, der es dann doch mit der Angst zu tun bekommt, als er – für den Spion Siletzky glaubhaft – Konzentrationslager Ehrhardt spielen soll. Als er später Siletzky gibt, gelingt ihm das schon selbstverständlicher. Aber auch die anderen geben ihre Parts überzeugend: vom couragierten, aber in Liebesdingen tollpatschigen Flieger (Tobias Licht) über die kühle Maria Tura (Alexandra von Schwerin), die sich überraschend politisch engagiert, bis zum Nebendarsteller Bronski (Peter Herff), der letztendlich doch noch seine Traumrolle Hitler spielen darf. Dieser Ensemblegedanke wird im Verlauf der Aufführung allerdings fallen gelassen, denn nach der Pause mutiert der Abend mit Dirk Bachs Auftritt als Konzentrationslager Ehrhardt zur One-Man-Show.
Die Mechanismen der Macht werden im Film durch das Spiel der Schauspieler lächerlich gemacht, in der Theaterversion mündet das Ganze in schenkelklopfender Komik. Nirgendwo tut sich ein Abgrund auf. Irgendwie hätte man sich da ein bisschen mehr versprochen.


Karoline Bendig - red / 14. Juni 2008
ID 3888
Sein oder Nichtsein
Komödie nach dem Film von Ernst Lubitsch

Inszenierung: Rüdiger Pape
Bühne: Petra Buchholz
Kostüme: Regina Rösing

Mit: Dirk Bach, Joachim Berger, Jonathan Briefs, Carlo Ghirardelli, Gerhardt Haag, Jost von Harleßem, Peter Herff, Kai Hufnagel, Georg B. Lenzen, Tobias Wilhelm Licht, Pelle Pershing, Hanfried Schüttler, Alexandra von Schwerin, Klaus Wildermuth
Live-Musik: Verena Guido, Bernd Keul, Martin Kübert

Premiere am 15.05.2008, weitere Termine: Do bis So bis zum 14.06.2008

Weitere Infos siehe auch: http://www.seinodernichtsein-koeln.de





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