Theaterkritik
Peter Eötvös: Tri sestri (Hamburgische Staatsoper)
Oper in drei Sequenzen nach Anton Tschechow
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Peter Eötvös: Tri sestri (Hamburgische Staatsoper)
Oper in drei Sequenzen nach Anton Tschechow
Der Spielzeitauftakt der Hamburgischen Staatsoper knüpft thematisch an das "Zeit"- Programm des wieder begründeten Hamburger Musikfestes an.
Zur Saison-Eröffnung präsentierte Musikdirektor Ingo Metzmacher eines der bedeutendsten und erfolgreichsten zeitgenössischen Opernwerke. Die deutsche Erstaufführung der Originalfassung der zweieinhalb Jahre zuvor in Lyon uraufgeführten Oper "Tri sestri" von Peter Eötvös beschäftigt sich auf eigenwillige Weise mit dem bekannten Theaterstück "Drei Schwestern" von Anton Tschechow. Ohne eine Literaturoper im eigentlichen Sinn zu sein, bildet der Theaterstoff die Grundlage für ein auf verschiedenen Ebenen bemerkenswert intelligent konstruiertes Musiktheater. Genau wie in dem von Tschechow selbst als Komödie bezeichneten Bühnenwerk sind die Figuren der Oper in ihrer Zeit gefangen. Sie trauern alten Zeiten nach und träumen von besseren Zeiten.
Der Komponist gestaltet aus Tschechows "Drei Schwestern" ein zeitloses Werk, indem er die Handlung nicht chronologisch erzählt, sondern die Geschehnisse in drei Sequenzen jeweils aus den Blickwinkeln zweier Schwestern (Irina und Mascha) und des Bruders Andrej schildert, und dabei vor allem psychologische Aspekte anklingen lässt.
Alles richtig gemacht
In der von Stanislas Nordey bis zum Gefrierpunkt stilisierten Inszenierung scheint das Schicksal aller Figuren in Abschiedstragik und Resignation zu vereisen.
Die Konfliktspannung zwischen den Figuren wird mittels einer statischen Choreographie transparent.
Der Regisseur benötigt keine schauspielerische Elemente. Körpersprache erschöpft sich in präziser Langsamkeit der Bewegung. In der Kunstwelt einer leeren Bühne signalisieren uniforme und farblose Kostüme den lautlosen Hilfeschrei der Melancholie. Insgesamt erscheint die Szenerie ausgebleicht wie nach dem Waschgang mit einer Überdosis des Weißen Riesen. Trotz Verzichts der Lichtarbeit auf plakatives Farbenspiel verrät sich Nordey bei so strengem Stilwillen als geistiger Verwandter Robert Wilsons.
Entsprechend der Intention des Komponisten, der nicht die Tragik der weiblichen Protagonisten in Klang umzusetzen wollte, sondern einen tragischen Klang schuf, der Sehnsucht und Abschiedswehmut vom geschlechtsspezifischen Moment der Geschichte löst, vertraut Nordey die weiblichen Rollen Countertenören an.
Zumindest mit Gary Boyces Darstellung der Natascha als kurioser Hausdrachen erhält damit das Bühnengeschehen einen farbigen Tupfer.
Die Rollen sind musikalisch charakterisiert, indem ihnen vom Komponisten spezielle Klangfarben bestimmter Instrumente zugeordnet wurden. Der in zwei Gruppen aufgeteilte instrumentale Klangkörper erzielt dabei eine besondere Raum-Klang-Wirkung.
Im Orchestergraben leuchtet das Kammerensemble unter der Leitung von Ingo Metzmacher musikalisch Innenwelten aus, auch wenn die entsprechenden Figuren nicht auf der Bühne sind.
Die sparsamen, aber effektvollen musikalischen Mittel fokussieren nuancenreich die Spannungsfelder der magischen Dreiecksbeziehungen zwischen den Hauptfiguren und anderen Personen oder Personengruppen.
Hinter der Bühne erweitert ein großer Orchesterapparat unter der Leitung von Boris Schäfer den Klangraum, ohne jedoch der kühlen Inszenierung mit klanglicher Wärme entgegen zu wirken.
In der dritten Sequenz amüsiert als Sahnehäubchen der kristallklaren Instrumentation
eine überraschende Einlage klappernder Löffel in Teetassen in einem absolut perfekt dargeboten Zusammenspiel.
Der von klugen Köpfen gestaltete Opernabend wird Dank der durchweg brillanten Sänger und einer hervorragenden musikalischen Begleitung zu einem Genuss. Nach der kurzen Aufführungsstaffel zu Beginn der Spielzeit bleibt zu hoffen, dass noch Gelegenheit sein wird, die interessante Oper in der Hansestadt zu erleben.
v.-red / 8.11.2000
Deutsche Erstaufführung der Originalfassung, Premiere: 24.9.2000, Hamburger Staatsoper
Libretto von Claus H. Henneberg
ins Russische rückübertragen von Krzysztof Wiernicki
Musikalische Leitung: Ingo Metzmacher und Boris Schäfer
Inszenierung: Stanislas Nordey
Bühnenbild: Emmanuel Clolus
Kostüme: Raoul Fernandez
Licht: Philippe Berthomé
mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg
Mark Holland, David Cordier, Lawrence Zazzo, Oleg Riabets,
Gary Boyce, Simon Yang, Oliver Zwarg, Julius Bets, Andreas Hörl,
Martin Homrich, Dirk Schmitz, Carl Schultz
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