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Feuilleton


HAU1 Berlin, 9. Oktober 2005

Schlachthof 5 oder der Kinderkreuzzug



Kurt Vonneguts „Kultroman“ über die Bombadierung von Dresden als Theaterstück in einer Inszenierung von Nicolas Stemann

Dresden zwischen dem 13. und 15. Februar 1945: Der schwerste Luftangriff auf eine Stadt im zweiten Weltkrieg durch die britische und amerikanische Luftwaffe fordert 135.000 Opfer. 2 Nächte und 1 Tag lang dauerte das Inferno, das die Stadt völlig zerstörte.
Der amerikanische Autor Kurt Vonnegut überlebte den Luftangriff als deutscher Gefangener im Keller eines Dresdner Schlachthofs: Slaughterhouse 5 titelt demnach sein 1967 erschienener Roman, den er nach einem erneuten Besuch der Stadt aufs Papier brachte. Das Buch wurde zum „Kultroman“ über den Krieg, wenn man einen Text in so einem Zusammenhang überhaupt so bezeichnen darf.
Vonnegut, Ich-Erzähler des Romans, dem eine konstante Erinnerung an die Ereignisse verweigert bleibt, schreibt ein Buch über Billy Pilgrim, Wanderer durch die Zeit und die Geschichte, „spastic in time“: Billy überlebt die Bombadierung von Dresden in einem Keller unter Schlachthof 5. Nach der Befreiung kehrt er in seine Heimatstadt, Illium im Staat New York, zurück, wo er ein erfolgreicher Optiker wird, viel Geld verdient und ein „unglaublich dickes“ Mädchen heiratet, das bei einem Autounfall ums Leben kommt. Er überlebt einen schweren Flugzeugabsturz; danach verändert sich für ihn die Wahrnehmung von Zeit und Raum. Billy „switched“ zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Er legt sich als Witwer schlafen und erwacht an seinem Hochzeitstag. Er geht 1955 durch eine Türe und kommt 1941 bei einer anderen wieder heraus. Auch ist er Besucher des Planeten Tralfamadore, deren Bewohner die Technik des synchronene Erlebens aller Zeiten beherrschen. Sie raten Billy, sich auf die schönen Momente zu konzentrieren. Hässliche Momente seien einfach so "strukturiert". Sie sind immer passiert, sie passieren immer und sie werden immer passieren. Auf Tralfamadore ist Billy mit einem Pornostar liiert.
Dies alles klingt vielleicht ein bisschen verwirrend. Ein Theaterstück das einem Science-Fiction-Roman über den Krieg folgt? Antwort wird im Stück selbst gegeben – der Zuschauer sollte kein Opus Magnum über den Krieg erwarten, denn: über ein Blutbad lässt sich eigentlich nichts sagen. Die szenische Version des Romans von Nicolas Steman verdichtet und beschleunigt die Elemente der Vorlage. "Ein bewusstes Scheitern bezüglich der Erzählkontinuität verstärkt die Wahrnehmung für die Absurdität des Gegenstandes" meint Stemann. Wie im Roman springen die Figuren des Stückes in der Zeit hin und her, was, von einem anderen Standpunkt aus betrachtet, den Schauspielern eine enorme Flexibilität abverlangt.
Natürlich kann man dem Stoff mit „realen" Maßstäben zu Leibe rücken. Billy Pilgrim, Überlebender eines Kriegsinfernos ist traumatisiert, psychotisch, kann seinen Erinnerungen nicht entfliehen, von denen er nie weiß, wann sie ihn überrollen werden. Er schafft sich Parallelwelten, wechselt seine Persönlichkeit, behauptet, sich in Raum und Zeit frei bewegen zu können. Ein Kriegstrauma, kann man nüchtern behaupten und: Wer hätte dafür kein Verständnis? Den Horror des Krieges kann und will das Stück jedoch nicht besprechen (im wahrsten Sinne des Wortes). Das Grauen des Individuums soll meiner Ansicht nach aber sehr wohl zum Ausdruck kommen. Für den Überlebenden dieses Ereignisses wird das Leben nie wieder so sein wie zuvor. Hier findet Zerstörung und Tod im Inneren des Menschen seinen Fortlauf, in einem Ausmaß, das niemand wirklich ermessen kann. Das Erinnerungsjahr zum 70. Jahrestag des Kriegsendes wird nicht um einen weiteren Diskurs bereichert, vielmehr intendiert der Regisseur Nicolas Steman mit seinem Stück etwas Anderes: „Was ich mit meinem Theater versuche: Die Paradoxien so sehr auf die Spitze zu treiben, dass etwas entsteht, was sinnlich sehr konkret wahrnehmbar, aber nicht mehr in Form von logischen Gedanken erzählbar ist“ – eine „tralfamadorianische Erzählweise“ wie Stemann im Weiteren meint, mit wahrlich hart geschnittenen Episoden:
Man erlebt Billy Pilgrim als Vater und Gatten, der Verantwortung hat, der er nicht nachkommen kann, als Paarungspartner eines Pornostars im Zoo von Tralfamadore, als Beobachter pseudohistorischer Diskurse über den 2. Weltkrieg, als Soldat, als Insasse einer Nervenheilanstalt usw. Für den Zuschauer ist das Stück in jedem Fall eine spannende, schnelle und intensive Zeitreise durch grauenvolle ebenso wie fantastische, teilweise humorvolle Szenarien. Die Romanvorlage zu kennen kann für das Verständnis des Bühnenwerkes jedoch von Nutzen sein.


Friederike Schwabel
ID 00000002062
Regie: Nicolas Stemann
Bühne: Kattrin Nottrodt
Kostüme: Marysol del Castillo
Deutsch von Kurt Wagenseil
Bühnenfassung von Nicolas Stemann
Mit:
Sonja Beißwenger
Matthias Buss
Peter Knaack
Wolfgang Michalek
Matthias Neukirch
Tilman Denecke (Gitarre)

Nächste Termine Berlin: 28. bis 30. Oktober 2005, jeweils um 19.30 im HAU 1.
Kartentelefon: 030/2590-27

Nächste Termine Hannover s. u. (Homepage Staatstheater)

Ein von Regina Guhl geführtes Interview mit Nicolas Stemann zum Stück finden Sie in den "Sonderseiten der Berliner Bühnen" vom 30. September 2005.

Weitere Infos siehe auch: http://www.staatstheater-hannover.de






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