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Feuilleton


Oper Bonn, Dezember 2006

Saul

Georg Friedrich Händel

Libretto von Charles Jennens
In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln



Der König hat die Macht, aber die Herzen des Volks besitzt er nicht mehr. Die fliegen David zu, dem jugendlichen blonden Held, der den Riesen Goliath besiegt hat und außerdem Zehntausend andere, während Saul nur auf Tausende kommt. Der Konflikt ist vorprogrammiert: Saul will David aus dem Weg räumen, weil er in ihm einen Erzfeind und Konkurrenten um das Königsamt sieht. Aber er hat nicht mit dem Widerstand in seiner eigenen Familie gerechnet. Sein Sohn Jonathan hat in David einen Freund gefunden und schützt ihn bis zu seinem eigenen Tod vor der Raserei des Vaters. Und seine Tochter Michal hat sich längst verliebt. Mit emotionaler Distanz betrachtet das alles Medal, Sauls älteste Tochter.




„Saul“ ist zwar ein Oratorium von Händel und keine Oper, bietet sich aber für die szenische Umsetzung an, die Dietrich Hilsdorf in der Bonner Oper ins 18. Jahrhundert verlegt hat. Denn „Saul“ bietet nicht nur den Konflikt zwischen König und Goliathbezwinger, sondern auch die leidende Liebende Meral, für die sich am Ende alles glücklich fügt, und ihre böse ältere Schwester Medal, die Gift und Galle spuckt und schließlich erkennen muss, dass sie eine Heirat mit David wohl besser nicht in Bausch und Bogen abgelehnt hätte. Dazu kommen fiese Höflinge und ein Vater-Sohn-Konflikt.

Hilsdorf setzt diese Konflikte unaufgeregt in Szene. Gezielte und gekonnte Lichteffekte, wenn Samuels Geist erscheint. Ansonsten ist es eher dunkel und düster am Hofe Sauls, der auch schon bessere Zeiten gesehen hat: In einer Flügeltür auf der rechten Seite sind beispielsweise einige Scheiben zerbrochen. Einzige Komponente des Bühnenbilds, die nicht ins 18. Jahrhundert passt, ist die schematische Darstellung von fallenden Menschenkörpern, die auf der Wand zu sehen sind, die sich im Bogen von links vorne nach rechts hinten erstreckt und so den Speisesaal begrenzt, in dem alle Szenen spielen. Als David am Ende den Speer des Herrschers ergreift, erstrahlen die Umrisse der fallenden Menschenkörper golden.




Eine entscheidende Rolle spielt an diesem Abend der Chor, der nur in wenigen Szenen nicht auf der Bühne ist. Und die Massen sind geschickt ins Spiel einbezogen. An einer Stelle plündert die Hofgesellschaft recht archaisch den Leichnam des Goliaths, wenig später umringen die Damen begeistert den jugendlichen David. Schließlich bauen sie sich im 3. Akt anklagend vor Saul auf, der nicht mehr zu ihnen durchdringt und auch mithilfe seines roten Königsmantels keine Macht mehr über seinen Hofstaat und damit auch nicht über sein Volk hat. Zwar nur ein Detail, aber dadurch nicht weniger bemerkenswert ist übrigens, dass jeder Darsteller, egal, ob Solist, Chorsänger oder Statist, spielt, sobald und solange er auf der Bühne ist. Da gibt es keine hingehuschten oder halbherzigen Auf- und Abgänge. Ein Beispiel dafür ist der sehr disziplinierte und geordnete Rückzug des Chors am Ende des 1. Aktes.
Das Sängerensemble ist szenisch und sängerisch auf der Höhe. Sigrún Pálmadóttir gibt mit der gebührenden Zickigkeit Merab und weiß auch musikalisch zu überzeugen, Patrick Henckens mag zwar keine durchschlagenden Tenor haben, setzt diesen aber wohldosiert ein und steht edel seinem Freund bei, bevor er von seinem Vater hingemeuchelt wird. Auch Susanne Blattert nutzt die wenigen Möglichkeiten, die sanfte Michal durch ihr Spiel und ihren Gesang zu profilieren. Jörg Waschinski braucht etwas Anlaufzeit, seine Abschiedsarie an den toten Freund lässt aber niemanden im Saal kalt. Leider fehlt ausgerechnet Martin Tzonev das Standing, das für Hauptfigur und König von Nöten wäre. Er wirkt zu jung, um glaubhaft der Vater von Merab und Michal zu sein. Ihm fehlt es an Souveränität und herrschaftlichem Machtbewusstsein. Stattdessen ist er einer von vielen auf der Bühne und zu eindimensional in seiner Gewalttätigkeit. Daran ändert leider auch seine solide gesangliche Leistung nicht viel.


Karoline Bendig - red / 22. Dezember 2006
ID 2872
Georg Friedrich Händel
Saul
Oratorium in drei Akten
Libretto von Charles Jennens
In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung: Sibylle Wagner
Inszenierung: Dietrich Hilsdorf
Szenische Leitung der Wiederaufnahme: Jan David Schmitz
Bühne: Johannes Leiacker
Kostüme: Renate Schmitzer
Choreinstudierung: Sibylle Wagner

Saul: Martin Tzonev
Jonathan: Patrick Henckens
Merab: Sigrún Pálmadóttir
Michal: Susanne Blattert
David: Jörg Waschinski
David’s Celestial Harp: Jane Berthe
Hoher Priester: Mark Rosenthal
Abner: Josef Michael Linnek / Burkhard Zass
Doeg: Algis Lunskis / Hartmut Nasdala
Hexe von Endor: Vera Baniewicz
Geist Samuels: Johannes Flögl / Egbert Herold
Drei Sopransoli:
Ute Hallaschka / Brigitte Jung
Vardeni Davidian / Jeannette Katzer
Edeltrud Kahn / Inken Lorenzen
Soloquartett:
Edeltrud Kahn / Jeannette Katzer
Ulrike Gmeiner / Su Kyung Han
Young Jun Kim / Dong-Wook Lee
Sven Bakin / Hartmut Nasdala

Wiederaufnahme am 01.12.2006, weitere Termine am: 29.12.2006 und 05.01.2007

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de/index_1024.php?hd_id=5





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