Der Ring des Nibelungen
von Richard Wagner
Oper Köln
"Der Kölner Ring" steht auf dem dicken Buch, in dem Proben und Aufführungen
zu den Opern Wagners dokumentiert sind. Regina Nimwegen hat die Produktionen
begleitet und in kontrastreichen Schwarz-Weiß-Fotos fest gehalten. Beim
Durchblättern des Buches kommen Erinnerungen hoch an DAS RHEINGOLD, DIE WALKÜRE,
SIEGFRIED und GÖTTERDÄMMERUNG.
Die Götter sind Menschen in dieser Deutung des Rings. Das Großkapital und die
Arbeiterschaft, die Kriegsherren von Walhall und am Rhein. Die Welt in der sie
leben ist ein Trümmerhaufen. Die Katastrophe ist ökologischer Natur, der Krieg
zwischen den Menschen nur ein weiterer Aspekt des Krieges gegen die Natur. Feuer
ist eines der zentralen Bühnenmotive, echtes brennendes Feuer wohlgemerkt.
Brünnhilde ist davon eingeschlossen, die Kamine in Walhall und in Gunters Büro
brennen, im Feldlager, wo Hunding zu Haus ist. Zur Not hält Hagen das Feuer mit
Hilfe einer Zigarette in Gang. Wenn am Ende die Welt und Walhall an Siegfrieds
Feuergrab entzündet in Flammen aufgehen, dann steht fast die gesamte Bühne des
Kölner Opernhauses in Brand. Ein ungeheuer eindrucksvolles Bild. Als dieser
Flächenbrand sich dann auch noch auf die Hinterbühne zurückzieht und den Raum
öffnet für einen leeren Raum, kennt das Erschauern keine Grenzen mehr. Hier ist
ein letztes Großreinemachen im Gange, ein kathartisches Feuer, eine Reinigung
der Welt. Der leere Raum am Ende ist Möglichkeit und Hoffnung, ein weißes Blatt
Papier, auf dem eine neue Geschichte geschrieben werden kann, wo eine neue
(bessere?) Welt stattfinden darf
Große, schöne Bilder gab es viele. Schnee fiel im RHEINGOLD, der die
Kriegslandschaft der WALKÜRE grundierte. Die Ausstattung für die Patrick
Kinmonth verantwortlich zeichnete, war gleichermaßen von Klarheit, wie von
handwerklicher und künstlerischer Feder inspiriert. In Kombination mit dem
Großmeister des Lichtdesigns, Manfred Voß, gelangen so einfache, eindrückliche
und ungemein wirkungsvolle Momente. Voß setzt auf stark akzentuierendes
Seitenlicht, das dramaturgisch von kalt nach warm und zurück wechselt. Hier und
da werden kleine Effekte eingesetzt, immer um der Situation Gewicht zu
verleihen, niemals um seiner selbst Willen. Das muss schlichtweg großartig
geheißen werden.
Die Sänger: Ganz vorne weg Nina Stemme als Sieglinde, Kraft und Schönheit
paart sich in ihr mit seelenvollem Ausdruck und einer hinreißenden Darstellung.
Sie darf sich mit den allergrößten ihres Faches messen lassen. In dieser Liga
spielt und singt auch Doris Soffel als Fricka und Waltraute. Alan Titus, der
niemandem mehr etwas beweisen muss gehört dazu. Und dann das fantastische Duell
Mime-Siegfried mit den Tenören Gerhard Siegel und Christian Franz, wer hier das
Heldenfach bedient und wer den schrägen Charakter, war nicht mehr auszumachen.
Verdiente Bravos nach der Premiere für beide. Auch positiv aufgefallen sind Ute
Döring als Gutrune, Daniel Sumegi als dunkler Hagen, auch darstellerisch
überzeugend, die verschiedenen Rheintöchter und Nornen. Überhaupt war das
sängerische Niveau für Kölner Verhältnisse überraschend hoch. Das mag auch an
Dirigent Jeffrey Tate gelegen haben, dem das Gürzenich Orchester diszipliniert
in fragile kammermusikalische Erkundungen folgte, um dann im rechten Moment das
heraus zu lassen, wofür Wagner geliebt und auch gescholten wird: das
Monumentale, das kraftvoll Pathetische. Tate wurde nach jeder Premiere bejubelt,
er ist ein Glücksfall für Köln.
Aber nicht alles war perfekt, natürlich. Da klapperte es doch mitunter munter
im Orchester, Holz und Blech waren sich oft nicht einig. Auch waren Tempo und
Dynamik der Regie nicht immer mit dem Maestro abgestimmt. Der unglücklich
besetzte Harry Peeters als Alberich, schade. Nicht immer überzeugt das
Bühnenspiel: Leerstellen blieben besonders bei den "kleinen" Szenen. Die
Begegnungen Brünnhildes mit Siegmund, Siegfried und Waltraute zum Beispiel. Da
bleibt es seltsam leer und deutungslos auf der Bühne. Vielleicht ist es
Mutwille, denn im Orchester erklingen in diesen Szenen meisterhaft komplexe
Strukturen. Vielleicht wollte Robert Carsen nur nicht ablenken. Aber
wahrscheinlich fällt es ihm leichter, wirkungsvolle Massenszenen auf die Bühne
zu bringen, als einen theatralen Ausdruck der Nähe, eine subtile Personenregie,
zu erfinden. Dafür gibt es immer wieder auch Gags, bis hin zum Slapstick, auf
der Bühne. Mimes Gesicht in der Torte? Das ist Geschmackssache.
Zieht man Bilanz, so lässt sich aber zweifellos sagen, dass die Kölner Oper
in ihrem Schatzkästlein vier beinahe makellose Perlen hat. Sie sollte diese
pflegen und vorführen, für ein Jahrhundertwerk hat es vielleicht nicht gereicht,
das ist aber auch nicht die Aufgabe der Kölner Oper, das soll Bayreuth immer mal
wieder leisten, aber dieser RING darf gern ein Jahrzehnt auf dem Spielplan
verweilen und uns wieder und wieder erfreuen.
s.l. - red / 27. Oktober 2003
musikalische Leitung: Jeffrey Tate, Inszenierung: Robert Carsen, Ausstattung:
Patrick Kinmonth, Dramaturgie: Ian Burton, Licht: Manfred Voß,
Gürzenich-Orchester Köln
www.buehnenkoeln.de
Das Buch DER KÖLNER RING erschienen im Dittrich Verlag
www.dittrich-verlag.de