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27. April 2012, Alte Schlosserei Köln

ORTSCHAFT: ABGESCHALTET

von Futur3 und Judith Wilske


Irene Eichenberger in Ortschaft: Abgeschaltet - Foto (C) MEYER ORIGINALS


Arbeitslos in Marienthal

Was erzählt uns das Schicksal von Arbeitslosen vor 80 Jahren in der heutigen Zeit? Nichts, könnte man sagen und sich den Theaterabend Ortschaft: Abgeschaltet nicht ansehen. Dann würde man allerdings eine sehr spannende und anregende Theaterproduktion verpassen, die nachdenklich stimmt und gerade die oben erwähnte historische Distanz für das Thema – oder sollte man besser sagen Schicksal – der Arbeitslosigkeit fruchtbar macht.

Grundlage für den neuen Theaterabend der Kölner Theatergruppe Futur3, der in Zusammenarbeit mit der Hamburger Regisseurin Judith Wilske entstanden ist, ist die Studie Die Arbeitslosen von Marienthal. In der Ortschaft Marienthal bei Wien wurde 1929 eine Fabrik stillgelegt und infolgedessen ein Großteil der Bevölkerung mit einem Schlag arbeitslos. Mehrere Sozialforscher aus Wien haben daraufhin untersucht, wie sich die Situation in der Bevölkerung dieser Ortschaft darstellt. Um in Kontakt zu den Menschen in Marienthal zu kommen, haben die Forscher beispielsweise eine Ärztesprechstunde eingerichtet, ausgehend von der Überlegung, dass sich dabei am ehesten ehrliche Aussagen über den Zustand innerhalb der Familie erheben lassen. Oder sie haben Kleidersammlungen durchgeführt und bei den Bewohnern nach ihren Bedürfnissen gefragt.

Futur3 und Judith Wilske erarbeiten aus diesem eher spröden Material einen Theaterabend, der sich zwischen Statistik, Geschichtsunterricht und der Teilhabe am Schicksal einzelner Familien, die in den Aufzeichnungen der Forscher zunächst nicht mehr als Nummern sind, bewegt. Die Einteilung in die Gruppen der innerlich Ungebrochenen, der Resignierten, der Verzweifelten und der verwahrlost Apathischen liest sich plausibel, aber vorgetragen und in einer skizzenhaften Form vorgespielt durch die Schauspieler spürt man die Einzelschicksale, die hinter jeder Statistik, hinter jeder soziologischen Studie stehen. Spannend gestaltet sich da beispielsweise die parallele Befragung einer Frau und eines Mannes aus unterschiedlichen Familien zu der Verwendung ihrer Zeit. Während ihr Tag durch Hausarbeit und Kinderbetreuung bestimmt ist, hat sein Tag, vormals durch die Arbeit strukturiert, keinen geregelten Ablauf mehr, besteht im Grund nur aus Essen und Schlafen. Aber auch für die Frauen, die vorher gearbeitet haben, ist die Umstellung nicht leicht. Generell beobachten die Forscher, dass vieles, was früher nebenher erledigt wurde und weniger Zeit in Anspruch nahm, jetzt ausgedehnt und zu einer zeitintensiveren Tätigkeit wird. Vor allem die Erkenntnisse zur Zeiteinteilung sind problemlos auf heute übertragbar: Eine Arbeitsstelle strukturiert nicht nur den Tag, sondern gibt ihm auch einen Sinn.

Ein wenig kann sich der Zuschauer von Ortschaft: Abgeschaltet in die 30er Jahre zurückversetzt fühlen, denn das Setting der Aufführung (von einem Bühnenbild zu sprechen, ist etwas zu kurz gegriffen, da man sich als Zuschauer auf eine Art geführte Ortsbegehung begibt) überdeckt die historische Distanz zur Studie nicht. Ort der Aufführung ist eine alte Schlosserei in Köln-Lindenthal, Stühle gibt es keine, man sitzt auf Paletten, auf Öfen stehen weiße Emaille-Kaffeekannen und alles wirkt ein bisschen wie auf einer alten Fotografie in Sepiatöne. Auch die Technik ist gut versteckt, die Scheinwerfer leuchten größtenteils von außen hinein und der Beamer ist mit einer hellbraunen Decke umwickelt. Aber auch der Forschungsaspekt kommt nicht zu kurz: In einem Raum, in den die Zuschauer zuerst geführt werden, steht das Modell der Ortschaft Marienthal, auf das man von oben herabblicken kann, flankiert von zwei Projektionsflächen, auf denen das statistische Material der Studie graphisch aufbereitet präsentiert wird.

Zum Abschluss von Ortschaft: Abgeschaltet werden die Zuschauer zu Schmalzbrot und Malzkaffee geladen. Dort, wo vorher das Modell der Ortschaft stand, kann man sich jetzt niederlassen und mit den Machern des Theaterabends diskutieren. Gesprächsbedarf gibt es auf jeden Fall.




Pietro Micci, Stefan H. Kraft und Irene Eichenberger in Ortschaft: Abgeschaltet - Foto (C) MEYER ORIGINALS


Karoline Bendig - 28. April 2012
ID 5893
ORTSCHAFT: ABGESCHALTET (Alte Schlosserei Köln, 27.04.2012)
Regie: André Erlen
Konzept und Dramaturgie: Judith Wilske
Szenenbild: Petra Maria Wirth
Video: Andreas M. Fohr
Licht: Boris Kahnert
Mit: Irene Eichenberger, Stefan H. Kraft und Pietro Micci
Premiere war am 26. April 2012
Weitere Termine: 28., 29. 4. / 3. - 6., 10. - 13. 5. 2012
Eine Produktion von Futur3 in Kooperation mit Freihandelszone – Ensemblenetzwerk Köln


Weitere Infos siehe auch: http://www.freihandelszone.org


E-Mail an Karoline Bendig



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