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Feuilleton


12. Mai 2012, Haus der Kulturen der Welt

DAS ENDE DER SED (UA)

Spielfassung vom theater89


Das für 8 € exklusiv im theater89 käuflich zu erwerbende Volker-Pfüller-Plakat zum ENDE DER SED


Superschwanengesang

DAS ENDE DER SED geht für uns Vor- bzw. Nachgeborenen - die wir dem sozialistischen System des (SED-)Staates der DDR, der wiederum nur Gutes wollte und doch wahrlich nicht viel Gutes hieß, so an die 40 Jahre mitverhaftet war'n - zumeist mit jener putzig anmutenden Pressekonferenz vom 9. 11. 1989 strikt einher. Zuvor war freilich auch schon jede Menge Agonie und allgemeines Auflösungsgebaren der Altherren-Riege registrier- und fühlbar; doch an diesem denkwürdigen Abend, der dann heute (22 Jahre später) fast schon ins Satirisch-Lustige abarchiviert sein will, geschah halt "Ungeheuerliches": Denn Günter Schabowski, eines der Politbüromitglieder seiner Zeit, meinte in einem Anflug leichtester Verwirrung, als ihn da die Weltpresse-Vertreter nach dem Zeitpunkt des Inkrafttretens von einem neuen DDR-Reisegesetz befragten, dass das "sofort, unverzüglich" wäre... Und so fiel die Mauer demnach sofort, unverzüglich - quasi über Nacht. So war das "damals".

Mirko Zschocke, einer der genial ein paar von diesen merkwürdigen SED-Typen verkörpernden theater89-Mimen, stellte sich dann auch vor das von Bühnen- und Kostümbildner Klaus Noack nachgebaute Podium des ZK der SED und brauchte lediglich per Playback dieses legendäre O-Zitat des hemdsärmligen Funktionärs mit stummen Gesten allerheiterlichst zu karikieren, um die gutgelauntesten Erinnerungszustände in uns wach zu rufen.

Überhaupt tut die Distanz zu "damals" gut, und wohl die Wenigsten im respektabel aufgesuchten Saal des Hauses der Kulturen der Welt (geschätztes Durchschnittsalter: 63) hatten oder haben noch mit Diesem oder Jenem, was da "damals" war, ein psychisches Problem - - nein, nein!! wir sprechen hier nicht von der ernsten Aufarbeitung eines Polizei- und Unrechtsstaates - unser Gegenstand der Rezeption ist vielmehr ein vergnügliches Theaterspiel, was sich dann halt Die letzten Tage des Zentralkomitees der SED [lt. jenes gleichnamigen, aber ernst gemeinten Sachbuchs vom Ch. Links Verlag, wo jede Menge Protokolle, Dokumente usw. für den Leser ausgewertet, kommentiert sind] als sein Thema nahm.

Also zum letzten Schluss des SED-Regimes muss es in seiner Schalt- und Waltzentrale ziemlich turbulent und heftig zugegangen sein - die Tonbandaufzeichnungen jener allerletzten Sitzungen wären dann auch an sich, und ohne jedes Zutun vom Theater, ein Eventbrüller der Extraklasse; nachzuhören ist das Alles jetzt in frei zugänglichen Archiven, also falls wer mag...




Geisterstunde im Zentralkomitee (Alexander Höchst und Katrin Schwingel) - Foto (C) Beate Nelken



Das hoch zu lobende Verdienst des Regisseurs und seines Dramaturgen (Hans-Joachim Frank / Jörg Mihan) ist dann das, dass sie es für die Spieldauer von 2 Stunden und 20 Minuten schafften, die vielleicht spektakulärsten oder aufregendsten oder selbstentlarvendsten Rede- und Wortbeiträge der von ihnen derart vorgeführten Funktionärinnen und Funktionäre ideal und kurzweilig zu bündeln und so einen punktgenauen Querschnitt dieses SED-Konstrukts - der immerhin aus lauter Menschen, also so wie du und ich, bestand - gemalt zu haben.

Es gibt schauspielernde Glanz- und Kabinettstückchen zu registrieren: Bernhard Geffke beispielsweise, der den absoluten Hardliner dieses ZK der SED, Armeegeneral Heinz Keßler, aber auch jenen mit tränenerstickter Stimme polternden Altkommunisten Bernhard Quandt (der tatsächlich die vormals vom ZK erst abgeschaffte Todesstrafe wieder eingeführt haben wollte [für ZK-Mitglieder, wohl gemerkt!]) darstellte. Oder Reinhard Scheunemann als Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann, Johannes Achtelik als SED-Chefideologe Kurt Hager, der durch überraschend viele Zwischenrufe diesen Letztsitzungen ein gewisses Maß an Lust und Leben nachverleibte. Oder auch Angelika Perdelwitz als die sich an ihre SED-Kreisleitungszeit sentimental erinnernd habende vermeintliche ZK-Emanze Christa Hermann. Usf.

Hunderte von ChoristInnen der am Spektakel mitgewirkt habenden Singakademie Frankfurt/Oder (Leitung: Rudolf Tiersch) ließen beliebte alte Weisen, die wir "damals" in der Schule sangen, herzerfrischend und gemeinwohlhafter Weise wiederauferstehen.

Starkes Hör- und Sehvergnügen!

Wird noch allerorten oft gespielt werden, vermute ich.


Bobby King - 13. Mai 2012
ID 00000005946
DAS ENDE DER SED (Haus der Kulturen der Welt, 12.05.2012)
Die letzten Tage des Zentralkomitees der SED
Regie: Hans-Joachim Frank
Bühne und Kostüme: Klaus Noack
Dramaturgie: Jörg Mihan
Musik: Jörg Huke
Idee und Wissenschaftliche Beratung: Dr. Hans Hermann Hertle
Es spielen: Angelika Perdelwitz, Katrin Schell, Katrin Schwingel, Johannes Achtelik, Bernhard Geffke, Alexander Höchst, Reinhard Scheunemann, Matthias Zahlbaum und Mirko Zschocke
Singakademie Frankfurt/Oder
(Leitung: Rudolf Tiersch)
Spielfassung von theater 89
Uraufführung war am 11. März 2012 im Europasaal des Auswärtigen Amtes
Nächste Termine: 2. 6. (Zionskirche, Berlin) / 28. 8. (DAS HAUS, Brandenburg)



Unser weiterführender Theater-Tipp zum Thema:

KRETHI UND PLETHI
Bruchstücke aus 49 Jahren DDR
von Andre Sokolowski



KRETHI UND PLETHI als Stückbuch - epubli Verlag (€ 24,90)

KRETHI UND PLETHI als e-Book - epubli Verlag (€ 4,99)


Völlig zu unrecht von Theatern bisher ignoriert!!!


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater89.de





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