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Rezension


18. Januar 2012, Premiere im Theater Tiefrot (Köln)

"BRENNEND, ABER NICHT VERZEHRT" RUTH BERLAU - GELIEBTE BRECHTS

von Mike Maria



Liebe: eine Produktion

Sie werde diese Nacht in ihrem Bett sterben, sagt sie – die Zigarette zwischen den Fingern. So beginnt Ruth Berlaus (Marina Matthias) Rückblick mit einem Blick nach vorn, aber wie bei einem guten Witz ist mit dem Vorwegnehmen der Pointe noch lange nicht die Story verdorben. In der Inszenierung von Mike Marias „Brennend, aber nicht verzehrt“ schickt der Autor in Regiekooperation mit Edda Koch die Protagonistin und Alleindarstellerin auf eine, nun ja, einsame Reise in die eigene Vergangenheit – gebrochen nur durch die Momente, in denen sie kurze Dialogsituationen mit Robert Lund, dem Ehemann und Brecht, dem Geliebten nachstellt.

Bereits in den ersten Minuten der Premierenaufführung im lauschigen Theater Tiefrot wird deutlich, wie sparsam man mit schmückendem Beiwerk umgehen kann, um sich der Person Ruth Berlau zu nähern. Es sind einige wenige Objekte, die von ihr erzählen, gar Bände sprechen. Über diese kreativ Umtriebige, die ungemein vielseitig und freiheitsliebend war. An der Zigarette zum Beispiel wird sich Ruth Berlau die meiste Zeit über festhalten. Es ist ein Fixpunkt, wie es auch die Schreibmaschine ist, das Wodkaglas oder die Leica-Kamera. Und immer wieder der Name des geliebten, vergötterten, unsäglichen Bertolt.

Gewiss, Ruth Berlau war nur eine von vielen Geliebten Bertolt Brechts, des umschwärmten und charismatischen Theatergenies. Aber die Dänin war vielleicht die wahnsinnigste unter ihnen, und diejenige, die – zu Recht – am meisten von ihm verlangte, in beruflicher wie in privater Hinsicht. Man mag ja gewusst haben, dass Berlau keinen unwesentlichen Beitrag zu Brechts schriftstellerischem und dramaturgischen Lebenswerk lieferte. „Brennend ...“ als abendfüllendes Stück lässt aber im Unklaren, ob die Frau, die wie beiläufig Fahrradausflüge nach Paris und Moskau unternahm, tatsächlich ausreichend Konturen besaß, um eigene Schatten zu werfen. Ist das Interessanteste an dieser Frau, die Schauspielerin, Regisseurin, Fotografin, Schriftstellerin und Journalistin in Personalunion war, tatsächlich ihr Status als Brechts Geliebte gewesen?

Marina Matthias zumindest bietet ein differenziertes Spiel, das Berlau als selbstständige, manchmal gar tollkühne, aber auch tiefverletzte Person zeigt, die in Dänemark und den amerikanischen Exiljahren um Brecht kreiste und schließlich daran zerbrach. Natürlich ist da zunächst die Schwierigkeit, das textlastige Stück vor einer ermüdenden Schwere zu bewahren, zumal weder Musik noch sonstige Gadgets vor der Aktrice ablenken. Meistens gelingt das aber. Matthias gibt eine Berlau, die auf ihrer Suche nach Balance und Haltung strauchelt, in ihren rauhen und zärtlichen Stimmungen von einem Extrem ins andere fällt und immer auch verstanden werden muss als die Heimgesuchte in ihrem Krankenhemd, wie sie es unter ihrem schicken Zweiteiler geschickt als Bluse tarnt. Ist das Lallen und wilde Gebaren der Ruth als Alkoholikerin noch ein wenig dröge, weil frei von Überraschungsmomenten, hat die Ruth als Schicksalsgeplagte ihre größten Auftritte. In leisen Momenten des Innewerdens wird dem Zuschauer nicht nur ihr fragiles Innenleben punktgenau dargeboten; auch Mike Marias nüchterner, aber sensibler Text wirkt hier am stärksten.

Dass sich das Regieduo mit seiner Inszenierung nicht allzu weit aus dem Fenster lehnt, ist womöglich der größte Wermutstropfen. Die Vorstellung hat ihre großen Momente, wenn Berlaus ureigene Stimme hervorbricht und sich über die Chronologie des bisweilen langatmigen Monologs legt – schließlich liegen dem Stück auch Auszüge ihres „Brechts Lai-Tu“ zugrunde. Bei der Umsetzung wagt man indes nicht viel. Die Erzählweise ist bestenfalls eine konventionelle – damit bleiben Interpretation und Dramaturgie weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Viel falsch gemacht wurde hier nicht, die Story ist ja auch durchaus spannend. Aber so blieb es eben auch ein Theaterabend ohne Pointe, Risiken, Neben- und Nachwirkungen.


Jaleh Ojan - 22. Januar 2012
ID 5698
""BRENNEND, ABER NICHT VERZEHRT" RUTH BERLAU - GELIEBTE BRECHTS (Theater Tiefrot, 18.01.2012)
Regie: Edda Koch und Mike Maria
Licht und Technik: Patric Welzbacher und Andreas Schmidt
Assistenz Bühne: Klara Esch und Denise Schulz
Mit Marina Matthias (als Ruth Berlau)
Premiere war am 18. Januar 2012
Weitere Termine: 22. 1. / 4., 5. 2. 2012


Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-tiefrot.com


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