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Rezension


14. Januar 2012, Schauspiel Köln

100 PROZENT KÖLN

RIMINI PROTOKOLL (HELGARD HAUG, STEFAN KAEGI UND DANIEL WETZEL)


100 PROZENT KÖLN (frei nach dem sog. Rimini-Protokoll) am Schauspiel Köln - Foto (C) Sandra Then


Gute Laune mit Statistiken

Sind Sie schon mal schwarzgefahren? Sind Sie für die Abschaffung der Todesstrafe? Haben Sie schon mal daran gedacht, sich umzubringen? Gehören Sie einer Partei an? Zum Glück beantworten 100 Kölner auf der Bühne des Kölner Schauspielhauses stellvertretend fürs Publikum diese Fragen. Rimini Protokoll, bestehend aus Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel, haben ihr Bühnenkonzept „100 Prozent“, das 2008 als „100 Prozent Berlin“ am HAU in Berlin zum ersten Mal gezeigt wurde, nun auch nach Köln verpflanzt. Ausgehend von Daten des Amts für Stadtentwicklung und Statistik der Stadt Köln wurden für „100 Prozent Köln“ 100 Menschen gesucht, die für die Kölner Bürger insgesamt statisch repräsentativ sind. Das bedeutet beispielsweise (ausgehend von den Zahlen für 2010): 51 Frauen, 83 Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit, 8 älter als 75 Jahre und 10 Menschen aus Porz.

In 100 Prozent Köln werden diese Menschen aber nicht einfach mittels einer Erhebung oder Ähnlichem zusammengestellt, sondern das Ganze passiert in einer Art Kettenreaktion: Nur der erste Teilnehmer wird angesprochen, er – bzw. in diesem Fall sie – spricht den nächsten möglichen Teilnehmer usw., bis die oben genannten statistischen Angaben auf der Bühne vertreten sind. Herausgekommen ist dabei nicht nur ein umfangreiches Programmheft mit bunten Balken- und Tortendiagrammen und Kurzinfos zu denjenigen, die auf der Bühne zu sehen sind, sondern auch ein launiger 90-Minuten-Abend, der tatsächlich Lust auf Statistik macht und zeigt, dass diese vermeintlich trockene Materie Unterhaltungspotenzial hat.

Der Abend beginnt mit einer Abfrage der statistischen Daten, damit auch die Nicht-Programmheftleser im Bild sind. Das funktioniert szenisch sehr einfach, aber effektiv: An der Rampe stehen zwei Mikrofonständer, jeweils zwei Menschen treten vor und tragen ein paar der statistischen Angaben vor, zu denen sich die anderen per Handzeichen bekennen. Im Verlauf des Abends werden von dort auch Fragen gestellt, die die 100 Kölner Bürger beispielsweise mit „gerecht“ oder „ungerecht“ bewerten sollen. Das Bühnenbild besteht aus einer grünen runden Fläche auf dem Boden, die von oben von einer Kamera erfasst und auf die Bühnenrückwand projiziert wird. Dadurch ergeben sich bei Abfragen, bei denen sich die 100 Kölner Bürger in Gruppen sortieren, tortendiagrammähnliche Bilder. Die Sicht von oben reduziert die Bürger aber auch auf ihre Köpfe und manchmal sieht es so aus, als betrachte man etwas unter dem Mikroskop. Später werden Statements wie „ich“/„ich nicht“ oder „gerecht“/„ungerecht“ aus dem Schnürboden herabgelassen, unter denen sich diejenigen, für diese Aussage zutrifft, versammeln.

Ein Hauptteil des Abends ist es, wenn alle 100 Bürger nach und nach an die Mikrofone treten, sich kurz vorstellen, erklären, woran man sie auf der Bühne erkennt, und sich dann in den Kreis der anderen einreihen. Hier funktioniert es tatsächlich, dass die statistischen Angaben ein Gesicht bekommen, persönlich werden, weil hinter jeder Zahl eben auch ein Mensch steht. Natürlich lässt sich an „100 Prozent Köln“ kritisieren, dass es das alles ja schon gab (u.a. in Berlin und Karlsruhe, für 2012 sind zudem „100 Prozent Braunschweig“ und „100 Percent London“ geplant). Aber deshalb muss es ja nicht schlecht sein und der Abend lebt natürlich von den Menschen, die als Folge einer Kettenreaktion hier auf der Bühne des Schauspiels Köln gelandet sind.

Auffällig ist allerdings, dass – trotz der eingangs genannten Fragen – bei 100 Prozent Köln die leichten und kurzweiligen Momente überwiegen. Das scheinen selbst einige Teilnehmer des Abends als unbefriedigend zu empfinden. Und so fragt denn auch einer von ihnen, wer von denjenigen, die auf der Bühne stehen, die Fragen zu harmlos findet. Diese Leichtigkeit, Freundlichkeit und gelegentliche Harmlosigkeit der Themen – vor allem im ersten Teil des Abends – ließe sich kritisieren, auf der anderen Seite hängt das vermutlich auch damit zusammen, inwieweit sich alle Beteiligten auf den Prozess einlassen – und es ist offensichtlich kein Ziel des Abends, jemanden zu entblößen.

100 Prozent Köln ist sicherlich nicht das ultimative Beispiel für gelebte Demokratie, auch wenn den Teilnehmern an einer Stelle die Möglichkeit geboten wird, für ihr Anliegen zu demonstrieren. Interessant ist vielmehr, dass hier Menschen zusammengebracht werden, die nicht völlig willkürlich zusammengewürfelt wurden, sondern sich zum Teil auch kennen, die aber vermutlich in dieser Konstellation ohne diesen Theaterabend so nicht zusammengekommen wären. Und die bereit sind, zum Teil sehr persönliche Fragen zu beantworten und etwas aus ihrem Leben zu erzählen.

100 Prozent Köln ist unterhaltsam, wenn man sich darauf einlässt, dass es keine stringente Erzählung gibt, manches etwas holprig ist und es an der einen oder anderen Stelle auch ein bisschen Lehrlauf gibt. Darüber hinaus regt der Abend an der einen oder anderen Stelle durchaus zum Nachdenken an. „100 Prozent Köln“ ist eine Erfahrung wert und lohnt den Besuch, auch wenn man keinen der 100 Menschen auf der Bühne persönlich kennt. Für die letzte Vorstellung in dieser Spielzeit am heutigen Sonntag bietet das Schauspiel Köln sogar eine Kinderbetreuung an – es gibt also keine Ausrede mehr.


Karoline Bendig - 15. Januar 2012
ID 5685
100 PROZENT KÖLN (Schauspiel Köln, 14.01.2012)
Es spielen: Hundert Bürger der Stadt Köln
Konzept und Regie: Rimini Protokoll
(Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel)
Bühne, Licht und Video: Marc Jungreithmeier
Musikalische Leitung: Frank Böhle
Dramaturgie: Götz Leineweber
Premiere war am 10. November 2011
Letzter Termin in dieser Spielzeit: 15.01.2012


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielkoeln.de





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