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Feuilleton


Staatsoper Hannover, Premiere 2. Oktober 2005

Der Sparminister im Prinzessinnendrama –

Thomas Bischoff inszeniert Puccinis Turandot an der Staatsoper Hannover


Die prästabilierte Einheit zwischen Bühne und Zuschauer wird bereits in den ersten Takten von Puccinis Turandot von einer in gesellschaftliche Härte und Grausamkeit einführenden Musik quasi „aufgehoben“, wie Dramaturgin Dominica Volkert das punktgenau benennt. Und zerhaut die Musik diese Scheinsicherheit zwischen Bühne und Zuschauerraum erst einmal, ist Platz für die Konstruktion einer neuen Ebene: einer zusätzlichen. Eine, die die Perspektivität auf das Schöne, das Kunstwerk selber thematisiert.
Ohne Einsicht in diesen inszenatorischen Hebel sieht man im Hannoveraner Opernhaus nicht viel mehr als eine dürftige Rampenoper ohne Sinn und der ganze Abend verliefe schließlich in nichts als nichts: diese dominanzverschiebene Zusatzebene liegt – recht banal, aber enorm wirkungsvoll – in der erfundenen Figur eines fremden Mannes im Anzug. Er dirigiert die Chöre im beschwörend-formelhaften Gestus und stolziert in wiederholt jubelnder Pose. Er nimmt den Masken die Träume, hat die eigentliche Kontrolle übers Popolo di Pekino und auch über den Tod auf der Bühne. Er ist manchmal ganz im Hintergrund, aber doch spürbar überall. Noch die Aufstellungen der Menschen in ihrem gleich-verkaroten Zuhause wirken wie von ihm inszeniert.
Der Mann ist Symbol für Macht. Deuten muss man ihn einmal ganz aus dem Grundproblem von Theaterkunst heraus: denn in ihm scheinen eindeutig die theaterinternen Machthaber auf, die verlängerten Arme gesellschaftlicher Machtkonstellationen: der Dirigent, der Regisseur, der Intendant, der Komponist. Bischoff lässt ihn, darin symbolschaffend, aber auch gegenüber außertheatralischen Akteuren durchlässig erscheinen: so können da ohne Umstände der schnörkellose Pisapauker, der psychotechnisch gedrillte Manager oder der allseits abgefeierte Sparminister abgelesen werden.
All dem gemein ist die Erzeugung einer Machtblase, die das, was das Schöne sein möchte, die Abwesenheit des zerstörenden Blicks, überformt. Außerhalb dieser Blase gibt es keinen unangetasteten Bereich mehr, nahezu keinen mehr: allein noch die Trauer über Liùs Tod entäußert einen Moment des ohne-Macht-Seins. Szenisch dreht sich die Menschenmasse von ihrem einzig von Timur (Xiaoliang Li) betrauerten toten Leib und dem Publikum weg – hin zu der Fortsetzung des ritualisierten Überwachens und Strafens. In ihrer Abkehr zeigt sich die Masse, hierin dann doch wieder sehr nah an den leise auslaufenden Klängen der Uraufführungsversion, als Herz und gibt darin ein letztes, gänzlich unkitschiges, Zeichen von der Art Liebe, wie sie der italienische Maestro der Welt vermacht hat.
Bischoffs Blick auf das Werk zeigt wie selbstverständlich, welche Schlussversion die Eigentliche ist: nämlich die mit Liùs Tod endende. Er versteht das Verhältnis von Turandot zu Puccini real und glaubt nicht an ihre Metamorphose, nur noch an ihre zerstörerische Energie, bis dahin, dass sie Liù den Hals umdreht und sich der einzementierten Masse anschließt.
Wie letztlich auch Calaf nur über der Macht stehen, einmal Duce sein, einmal siegen möchte („Vincero“). Endlich vollbringt er dies, steht am Ende sogar höher als der dirigierende Machtinhaber selber. Doch was hat er da erreicht, ganz allein, oben auf der Treppe?
Es gelingt dem Regisseur Thomas Bischoff gemeinsam mit einer hervorragend eingesetzten Statik in Licht (Susanne Reinhardt), Kostümen und Bühne (beides Uta Kala) eine zwingende Inszenierung dieses Dramas um die Eisprinzessin Turandot, wobei der kollektiv gewordene Willen zur Macht gegenüber dem schönen Objekt nahezu total obsiegt. So vermag Bischoff selbst eine nackte Schönheit von Graden, alternative Option für Calaf, auf der unbeweglichen, erstarrten Szene gefrieren zu lassen: Lust erliegt der totalen Machtsphäre.
Der in Hannover äußerst beliebte Tenor Ki-Chun Park (Calaf) zeigt sich weiterhin auf sehr guter Stimmentwicklung: wahrhaft heldisch ersingt er sich den Zutritt zum Ritual, bleibt aber noch etwas unsauber in der Ausgestaltung mancher Phrasen. Mit Bravour meistert Barbara Schneider-Hofstetter die hohe Tessitura der Hauptpartie. Sie verbreitet durchaus eine Bedrohungssphäre in ihrem äußerst routiniert wirkendem Vortrag. In die Herzen singt sich Alla Kravchuk als Liù mit ihrem quellfrisch-perlenden Sopran. Im Kontrast zu ihrer homogenen Darstellung sind die Masken – Ping (Shigeo Ishino), Pang (Hans Kittelmann), Pong (Christoph Rosenbaum) – stimmlich zu inhomogen besetzt. Gesanglich herausragend und sehr gut einstudiert (Johannes Mikkelsen) präsentiert sich der Chor (plus Extrachor und Kinderchor) der Staatsoper: sowohl in den bedrückenden Passagen homophoner Physis als auch in den präzise aufschwellenden Zwischenkommentaren oder im entschwindenden Schlusspianissimo vermochten sie zu beeindrucken.

Bleibend ist auch der Eindruck des glänzend aufgelegten Staatsorchesters unter GMD Shao-Chia Lü. Angstfrei lässt er Klangexplosionen und Ungeheures aus dem Graben hervorblasen und trommeln, wobei man die besonders harte Schulung an schwierigen Komponisten wie Nono und Hespos dem Orchester deutlich anhört. Erst nach Lüs Interpretation begreift man überhaupt, wie ernst es um die Hiebe gleich in den ersten Takten steht, die sich da wie eine mechanisch betriebene Guillotine auf die Erde absenken. Unter Lüs Dirigat entwickelt sich ein zerfallener, nicht zerfahrener Pucciniklang, einer, der ganz in der Moderne angekommen ist.
Der schöne Erfolg der Hannoveraner Staatsoper aus der abgelaufenen Spielzeit für die große Oper iOPAL von Hans-Joachim Hespos aus Gandekersee, die von der Zeitschrift „Opernwelt“ zu der Uraufführung des Jahres 2004/2005 bestimmt wurde, lässt auch für das letzte Jahr unter dem nach Stuttgart wechselnden Intendanten Albrecht Puhlmann alles andere als Müdigkeit aufkommen. „Flagge zeigen“ weht es vom Dach. Das dürfte dem Haus mit dieser überaus mutigen und gekonnten Inszenierung zweifelsohne gelungen sein. Wind zum Wehen ist in Niedersachsen, da er eh meist von Westen heranbraust, ja nie ein so großes Problem wie die Kunstferne der ortsansässigen Windmacher.
Die Zuschauer am Premierenabend nahmen diese fordernde Turandot-Aufführung in stetig, sich bis in die stehenden Ovationen (der letzten drei Viertel des Parketts) hinein steigerndem Jubel auf und gaben Sängern wie Musikern gleichermaßen ausgiebig Beifall.


Wolfgang Hoops - red. / 5. Oktober 2005
ID 2055
Turandot
Giacomo Puccini

Dramma lirico in drei Akten
Libretto von Giuseppe Adami und Renato Simoni
nach dem gleichnamigen Drama von Carlo Gozzi

Musikalische Leitung: SHAO-CHIA LÜ
Regie: THOMAS BISCHOFF
Bühne und Kostüme: UTA KALA
Dramaturgie: DOMINICA VOLKERT
Chor: JOHANNES MIKKELSEN

Turandot: BARBARA SCHNEIDER-HOFSTETTER
Der unbekannte Prinz: KI-CHUN PARK
Liù: ALLA KRAVCHUK / MICHAELA SCHNEIDER
Timur: XIAOLIANG LI / DANIEL HENRIKS
Altoum: STEFAN LASCU / EDGAR SCHÄFER
Ping: SHIGEO ISHINO
Pang: HANS KITTELMANN
Pong: CHRISTOPH ROSENBAUM
Mandarin: KLAUS-MICHAEL REEH
Ein Fremder: STEFAN SCHREIBER

Chor und Extrachor der Staatsoper Hannover - Staatsorchester Hannover

Weitere Infos siehe auch: http://www.staatstheater-hannover.de/ostuecke04/turandot.shtml






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