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Theater- Feuilleton


Theater der körperlichen Attacke

Frederic Rzewskis „Die Perser“ am Theater Bielefeld


Wuchtige Hammerschläge gegen den Eisernen Vorhang, die Mark und Bein erschüttern und hart an die Schmerzgrenze reichen, geben die Richtung vor: Das adäquate Sensorium für diese Performance ist der Körper als „Weltfühler“, nicht die ästhetische Urteilskraft, hermeneutisches Sinnverstehen oder philosophische Ideenreflexion. Was Rzewski an Aischylos’ Drama über die Lage am persischen Königshof unmittelbar nach der verlorenen Schlacht von Salamis reizt, geht weit über ein historisch-philologisches Interesse hinaus; es ist die Situation der absoluten Katastrophe als Quelle mächtiger Kollektivaffekte. Die Handlung blättert die verschiedenen Facetten des Krieges, nicht nur als militärisches Unternehmen, sondern auch als Krieg des Geldes, Konsumkrieg, Familienkrieg, Medienkrieg auf: Krieg als große Metapher für alle zerstörerischen Kräfte, die die Menschen unterjochen und die doch von ihnen selbst geschaffen und aufrechterhalten werden. Gegen solcherlei Verharren im Unglück rebelliert Rzewskis Musik. Die Partitur lässt sich als raffinierte Mixtur höchst heterogener Stilelemente von seriellen Techniken bis zur Minimalmusic beschreiben, wobei Rzewski mit seinem pragmatischen Musikverständnis – wie im instruktiven Programmheft von Roland Quitt ausführlich dargelegt wird – bewusst die Idee des authentischen Kunstwerks aufgibt. An seine Stelle tritt eine kompromisslose Wirkungssteuerung: Wahr, gut und gelungen ist diejenige Musik, welche die Initiative, die Aktionslust und den Veränderungswillen der Menschen wachruft.

Rzewskis Ästhetik einer interaktiven Musikperformance, die die Grenzen zwischen Musik, Sprache und Geräusch genauso sprengt, wie sie tendenziell danach trachtet, die Unterscheidung von Publikum und Darstellern aufzuheben, fand in Andrej Woron einen kongenialen Partner als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner in einer Person. Woron setzt ganz auf die Ansteckungskraft eines exzessiven, wild überbordenden Totaltheaters. Musik und Spiel verschmelzen zu einer in ständiger Steigerung begriffenen geradezu körperlichen Attacke. Seine Darsteller lässt Woron damit an die Ängste, Frustrationen und angestauten Aggressionen der Menschen – den Kriegszustand in den Herzen der Zuhörer und Zuschauer im Zeitalter des totalen Kapitalismus – rühren. Durch die Mehrfachbesetzung der Figuren als Sänger und Schauspieler löst sich ihre einfache Ich-Identität in ein Vexierbild gegenläufiger Emotionen auf, was Szenen von frappierender Wirkung etwa im Atossa-Paar von Cornelie Isenbürger (Sopran) und Inès Burdow (Performerin) zeitigt. Als grandiose Chorführerin fegt Wiebke Frost über den Wüstensand der persisch-zeitgenössichen Konsumhalde und fließt dabei über vor aggressiver Verzweiflung und Power. Christophe Hellmann leitet das auf zeitgenössische Musik spezialisierte Ensemble musikFabrik, das mit präziser Leidenschaft die Suggestionskraft der Partitur aufspannt.

Obwohl es in zahlreichen Augenblicken fast unmöglich schien, den stürmischen Interaktionsappellen der Protagonisten zu widerstehen, ließ sich das Bielefelder Premierenpublikum nicht dazu hinreißen, in das Geschehen selbst einzugreifen, um auf diese Art die Produktion zu vollenden. Ob sich in der freundlich-aufgeschlossenen Zurückhaltung der Zuhörer eine jahrelange Gewöhnung an eher passiven Operngenuss manifestiert oder ob hier die Trivialisierung der Performanceidee durch die Eventmaschinen der Kulturindustrie, die die Zuschauer aus Mitspielern zu Objekten behavioristischer Reiz-Reaktions-Experimente gemacht haben, auf die Performance selbst zurückschlägt, bleibt unentschieden. – Ein Besuch der „Perser“ verspricht in jedem Fall singuläre ästhetische Erfahrungen. Also: auf nach Bielefeld, aber bitte viel Spiellust mitbringen!

Chr.T. - red / 25. Juni 2003
Die weiteren Aufführungen: 30.Juni, 13., 18., 20. und 26.Juli.
Kartentelefon: 0521/51-5454
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