Schallende Ohrfeige statt Liebesekstase
Zwiespältige Aktualisierung von Debussys „Pelléas et Mélisande“ durch Jossi Wieler und Sergio Morabito in Hannover
Mit der Vertonung von Maurice Maeterlincks „Pelléas et Mélisande“ hat Claude Debussy vor 100 Jahren eine neue musikalische Ästhetik des Erotischen inauguriert. Sie entzündet sich an Mélisandes Haar, dessen Duft, dessen Knistern und Rieseln so etwas wie die kompositorische Uridee des Pelléas-Stils darstellen. Wie die Flut von Mélisandes Haar in der berühmten Hair-Szene zu Beginn des dritten Aktes die verhängnisvolle Beziehung zwischen dem Titelpaar anbahnt, so streckt Debussys Musik ihre Fühler zu den entlegensten Regungen des Seelenlebens der Protagonisten aus, mehr noch, Debussys Inventionen sind bildlos diese Regungen selbst. Das Ganze ist ein Filigran seelischer Seismographie, für die Lukács den Satz geschrieben haben könnte: „Es gibt (…) Erlebnisse, die von keiner Gebärde ausgedrückt werden könnten und die sich dennoch nach einem Ausdruck sehnen.“ Debussys Musik hat für sich genommen eine solche Imaginationskraft, dass zu befürchten ist, eine Bühnenrealisation könnte ihre Wirkung nur herabsetzen. Jossi Wieler und Sergio Morabito versuchen dieser Gefahr zu entgehen, indem sie eine ganz neue Geschichte erzählen, die immerhin einige verblüffende Schnittpunkte mit dem musikalischen Text hat und die neben dem erotischen Diskurs besonders die tiefenpsychologischen und quasi feministisch-postmodernen Facetten des Werkes herausstellt.
Bei Maeterlinck/Debussy findet Pelléas’ Halbbruder Golaud Mélisande an einer Quelle im tiefen Wald und nimmt sie mit auf sein in einem zeitlosen Mittelalter angesiedelten Schloss. Bei Wieler und Morabito kommt Mélisande aus den Ritzen der Gesellschaft in den aseptischen Upper-Class-Palast, in dem sich Golauds Familie, eine Alt-68er-Horde, eingerichtet hat. Mélisande ist bei der ersten Begegnung mit Golaud Ausländerin, Asylantin, Prostituierte, „Illegale“, Bettlerin; von allem etwas und doch nichts davon, denn dies sind nur die leeren, ignoranten Begriffsmarken, mit denen die bürgerliche Gesellschaft sich dem Unbekannten, Anderen und Fremden verschließt, für dessen Rätsel die Figur der Mélisande einsteht. Mélisande scheint es mit der Heirat Golauds gut getroffen zu haben: Zu ihrer neuen Familie gehören Geneviève, die Mutter Golauds und Pelléas’, ein ins Establishment aufgerücktes Blumenkind der Flower-Power-Generation, das neben der provokanten Ausstellung seiner sanften Sinnlichkeit Geschäftsakten studiert, ferner das mild-tolerante Familienoberhaupt Arkel, ein gealterter Magier der Wollust, der früher sicher viel Wilhelm Reich gelesen hat sowie Pelléas, Golauds verzärtelter Halbbruder. Nur Golauds enervierend hyperaktiver Sohn aus erster Ehe ist manchmal ziemlich lästig.
Aber mit zunehmender Verweildauer Mélisandes zeigt sich, dass sich hinter den freundlich-freisinnigen Masken Vampirnaturen verbergen, die aus anderen Leben saugen, ohne doch so recht etwas Böses zu beabsichtigen. „Die Wahrheit“ heißt die auf plane Eindeutigkeit und Besitzdenken abgestellte tödliche Folterformel, mit der Golaud nach der Katastrophe, dem Eifersuchtsmord am Bruder, seine sterbende Frau über den Charakter ihrer Beziehung mit Pelléas befragt. Am deutlichsten enthüllt sich die Unfähigkeit dieser pseudoliberalen Gesellschaft, im anderen mehr als das Mittel zur Erzeugung eigener angenehmer Gefühle zu sehen, wenn nach Mélisandes Tod ihre Leiche vom Arzt umgehend durch den dafür vorgesehenen Entsorgungskanal entfernt wird und die Familie ohne großes Aufhebens und ohne jedes Anzeichen anhaltender Trauer sich auf ihr neues Opfer, Mélisandes noch im Brutkasten befindliches Kind, stürzt: „Jetzt ist die Reihe an der armen Kleinen“.
Auch Pelléas partizipiert an der familienbedingten egozentrischen Konzentration auf die Erfüllung der eigenen Wünsche, was denn auch Mélisande an der Stelle, an der Musik und Textbuch die kurze, mächtige Liebesekstase des unglücklichen Paares vorsehen, mit einer schallenden Ohrfeige quittiert: „Oh, oh, alle Sterne fallen.“ Wer an dieser Stelle, an der Wieler und Morabito das Werk zu brechen scheinen, genau hinhört, wird bemerken, wie auch Debussys Musik aussteigt und hier für ein einziges Mal in ein Pathos zurückfällt, das im Kontext des künstlerischen Gesamtkonzepts einer „musique compassionelle“ unwahr wirkt, genauso unwahr, wie die Illusion von Glück in Pelléas Kopf ist.
Wieler und Morabito verzichten auf alle symbolischen Attribute, auf Turm, Brunnen, Grotte und Schattenspiele im nächtlichen Garten zugunsten einer genauen Darstellung der inneren Bezüge der Figuren bzw. deren verzweifelter Beziehungslosigkeit bei aller oberflächlich-lauen Harmonie, was Augenblicke von bedrückender Intensität heraufbeschwört. Andererseits kappen sie wichtige Werkkonstituenten, wie die permanente musikalische Reflexion des Mensch-Natur-Verhältnisses oder die impressionistische Naturmystik einer befreienden Selbstaussprache der Dinge (Haar, Wasser, Meer, Licht), worin die eingangs erwähnte spezifisch erotische Atmosphäre des Pelléas gründet. Oft sucht das Auge vergeblich nach einem visuellen Anhaltspunkt für das, was Shao-Chia Lü und das Staatsorchester Hannover, die sich in großer Selbstzurücknahme üben, an entrückten Klanggesten und zärtlichen Pastellfarben aus dem Graben zaubern. Trotz einiger stichhaltiger Momente bleibt doch zumindest streitbar, ob Debussys Oper tatsächlich als Experimentierfeld für eine Befindlichkeitsstudie über die Alt-68er taugt, was sich am Premierenabend auch in Applaus und erregten Buh-Schmähungen für das Regieteam niederschlug.
Lü und das Staatsorchester sind um soviel Klarheit und Struktur wie nötig bemüht und lassen ansonsten die prachtvolle Schönheit jenes schwebenden, erdfernen Klangparadieses der Pelléas-Partitur aufblühen. Lediglich den wenigen aufpeitschenden Affektsplittern fehlt bisweilen expressive Schärfe. Alla Kravchuks Mélisande ist eine verloren wirkende, unnahbare Frau, jedoch ohne die Aura des Geheimnisses. Ihrer gesunden, klangschönen Sopranstimme fehlen manchmal noch die für ihren Part so wichtigen Nuancen des Welken und Verhangenen. Das hochkarätige Solistenensemble mit Xiaoliang Li als Arkel, Will Hartmann als Pelléas und Oliver Zwarg als Golaud erfreut mit dem noblen Glanz des Debussyschen Vokalstils, hat es jedoch bei exponierten musikalischen Passagen mitunter nicht ganz leicht sich im Kampf um die Aufmerksamkeit der Rezipienten im Umfeld der unangenehm geräuschvollen Inszenierung von Wieler und Morabito zu behaupten.
Christian Tepe, M.A. / April 2003
"Erstveröffentlichung bei ,S.W.O. Die Virtuelle
Kulturregion'."
Aufführungstermine: 18. und 24. April, 3., 17. und 23. Mai, 1., 8., 14. und
17. Juni.
Kartentelefon: (0511) 9999-1111
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