Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

KULTURA-EXTRA durchsuchen...



Bayreuther Festspiele 2008

6. August 2008, Bayreuther Festspiele

PARSIFAL



Detlef Roth gibt dem Amfortas aus dem neuen PARSIFAL in Bayreuth sinnverwandte Züge des Gekreuzigten, er spielt und singt seine ihm auferlegte Rolle mit bewundernswerter Intellektualität, erotischer Präsenz und ausströmendem Wohlklang. - Foto (C) Bayreuther Festspiele



Herheims ambitionierte, selten funktionierende Illustrationszwänge im Parsifal

Er ist ein Bild von einem Mann! Ja und man ahnt natürlich, wenn man ihn so auf den Fotos sieht, er soll und wird nicht uneitel zu nennen sein (auf jeden Fall nicht uneitler als sein Kollege Schlingensief, der auch ein Bild von einem Mann ist, und der vor vier Jahren ebenso dasselbe Stück dem Grünen Hügel, und nicht unbedingt zur Freude Wolfgang Wagners, der ihn seiner Zeit, vielleicht sogar auf Anraten von seiner Tochter Katharina, an das Festspielhaus berief, als hochaltäriges Present vermachte; ja, noch nie zuvor wurden in Bayreuth derart viele und nur scheinbar unzusammenhängende Bebilderungen sichtbar als in dieser mittlerweile Kultstatus erreicht habenden Inszenierung). Ein Vergleichen drängt sich auf.

Was deutlich unterschieden werden muss:

Dass Stefan Herheim - seine Inszenierung Parsifal ist hier gemeint - ein spürbar eindeutiges Exemplar der Gilde Opernregisseure ist; also er ist als solcher, als ein Opernregisseur, zum Jungstar aufgestiegen, und das Bayreuther Debüt sollte ihm schon den wohl verdienten Riesenschritt auf dem Karriereleiterchen bescheren, nichts wäre ihm mehr zu gönnen...

Und dass Christoph Schlingensief ein Multikünstler und Hans-Dampf-in-allen-Gassen ist; also es hieße Eulen nach Athen tragen, wenn man sich jetzt an dieser Stelle seines vielspartigen Werks, und sei es nur in unbedarften Ausschnitten, erinnerte.
So wären also dann, im Nachhinein, die Ehrgeize wie folgt gewichtet: Herheim wollte Alles (und erreichte eigentlich, außer am Festspielhause inszeniert zu haben, nicht sehr Vieles) - - Schlingensief trat an zu irritieren, weil er eingestandner Maßen selbst vom Stückchen irritiert gewesen war; die artifizielle "Unbeholfenheit" machte sein Abarbeiten an dem merkwürdigen Werk so überaus sympathisch; letztes Jahr muss dem Vernehmen nach die allgemeine Stimmung ganz und gar gekippt sein, aus der anfänglichen kollektiven Ablehnung wurde ein imperialer Jubelschrei; jetzt ist die Arbeit leider nicht/nicht mehr (nicht mal als Filmmitschnitt) zu sehen, o wie schade!!!

Bilder, Bilder, Bilder...

Stefan Herheim ist zum Beispiel sehr bemüht gewesen, Filme Ingmar Bergmanns (Fanny und Alexander; Sterbeszene mit dem Vater), Stanley Kubricks (; Badewannenszene mit der Greisin) oder Josef von Sternbergs (Der blaue Engel; Marlene Dietrichs Beine und Zylinder) zu zitieren. Und warum, weils zufälliger Weise in den Kontext seine Bilderorgie passte?



Stefan Herheim sieht man hier auf einer Probe zu dem neuen in Bayreuth, und er scheint gerade mit Erklärungen zum Thema Schwan und anderes Geflügel, was im Ersten Aufzug seiner Inszenierung aufzutreten hat, beschäftigt. Alle Mitwirkenden folgen ihm, so wie man sehen und erahnen kann, sehr aufmerksam bei seinem willfährigen Unterfangen. - Foto (C) Bayreuther Festspiele


Im gesamten Ersten Aufzug müssen Herheims Haupt- und Randakteure (Sänger, Chor, Statisten) als Geflügel Darstellungen übernehmen. Und warum, weil zufälliger Weise viel von Tauben oder Schwänen irgendwie die Rede wäre?

Herheims Parsifal-Geschichte hat einen recht nachvollziehbar "illustrierten" Rahmen: Wahnfried. Dort beginnt und endet seine Story. Parsifal (der junge Wolfgang Wagner?) lässt die Mutter (Winifred?) im Stich und/oder träumt sich seinen eignen Parsifal bis in die neue Zeit hinein. Am Schluss entsorgen Trümmerfrauen (1951, Neubayreuther Zeit) den Schutt vergangener Epochen, und der Junge Parsifal, in der Matrosenkluft von Bergmanns Alexander, fängt mit Gurnemanz und Kundry irgendwas zusammen an... Null Ahnung, was das Alles letztlich soll.

Ein starkes und sehr ambitioniertes Bild ist Herheim allerdings geglückt, bevor die Klingsor-Burg am Schluss des zweiten Akts zusammenstürzt: Da lässt er vor der Villa Wahnfried Riesenhakenkreuzflaggen nach oben ziehen, eine Formation von Waffen-SS aufmarschieren und den Reichsadler in Stein herabschweben. Die Szene kippt sofort: Der Reichsadler kracht lautstark auf die Bühne und zerschellt, die schwarzen Bluthunde werden erschossen und die Hakenkreuzflaggen knittern in sich zusammen; Wahnfried brennt. / Gleichsam bleibt zu bemerken: Ähnliche Bebilderungsattacken hat man öfter schon am Schluss der Götterdämmerung, und nicht nur da, gesehen; also wenig Neues, eigentlich so gut wie nichts.

Gesungen wurde anständig - man wird erwarten können, dass dann die bzw. der, wer auf dem Grünen Hügel steht, sich allergrößte Mühe geben - alles Namen übrigens, die man auch andernorts, mal hier oder mal da, life zu erleben kriegte; sogenannte Megastars sind hier nicht oder noch nicht oder längst nicht mehr zu sehen und zu hören, war mal, der Legende nach, ganz anders früher, und die Besten, hieß es, nur die Besten aller Besten sängen hier. Doch allenthalben Detlef Roth (Amfortas) lieferte eine gesanglich sowie mimisch mehr als imponierende Gesamtleistung.
Und Daniele Gatti dirigierte klug und breit, und das Orchester spielte unendlicher Weise schön - und so (vielleicht nur so!!!) wird Parsifal auch bei der Uraufführung hier an diesem sagenhaften Haus geklungen haben. Onanie des Herzens für die Ohren.

Mehr vom Zauber dieses Unsichtbaren, bitte!


Andre Sokolowski - 7. August 2008
ID 3945
http://www.andre-sokolowski.de


PARSIFAL (Bayreuther Festspiele, 06.08.2008)
Musikalische Leitung: Daniele Gatti
Inszenierung: Stefan Herheim
Bühnenbild: Heike Scheele
Kostüme: Gesine Völlm
Besetzung: Detlef Roth (Amfortas), Diógenes Randes (Titurel), Kwangchul Youn (Gurnemanz), Christopher Ventris (Parsifal), Thomas Jesatko (Klingsor), Mihoko Fujimura (Kundry) u. a.
Der Festspielchor
(Choreinstudierung: Eberhard Friedrich)
Das Festspielorchester
Premiere war am 25. Juli 2008
Weitere Termine: 10., 16. und 28. 8. 08



Weitere Infos siehe auch: http://www.bayreuther-festspiele.de


Zu den 20 EXEMPLARISCHEN WAGNERKRITIKEN
(Buch anklicken!)



 
THEATER Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

ANTHOLOGIE

AUTORENTHEATER-
TAGE

BAYREUTHER FESTSPIELE

CASTORFOPERN

CD / DVD

FOREIGN AFFAIRS

INTERVIEWS

KRITIKEN

PORTRÄTS

ROSINENPICKEN
Glossen zu Theater & Musik von Andre Sokolowski

TANZ IM AUGUST

THEATERTREFFEN

URAUFFÜHRUNGEN

WIENER FESTWOCHEN


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal



Home     Impressum     Autorenverzeichnis     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2016 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de