NACHT GIER
Nach Sarah Kane
a.tonal theater
Alte Feuerwache, Köln

© www.atonaltheater.de
Auf der einen Seite ist da Sarah Kane, jung und von eigener Hand gestorben, fünf Stücke und ein paar Fragmente hinterlassend, die Kultstatus erlangt haben. Gier ist eines ihrer "undramatischen", man könnte auch sagen "postdramatischen" Stücke/Texte. Sätze, wie aus einem Tagebuch einer gleichfalls verzweifelten wie sehnsüchtigen Frau, thematisch zwischen Sex und Tod balancierend.
Auf der anderen Seite ist da das a.tonal.theater, ein Ensemble verschiedener Künstler, die zusammengefunden haben, um aus den einzelnen Gewerken etwas zu erschaffen, das mehr ist als die Summe der zusammengefügten Teile. Ihr letztes gemeinsames Werk "wualitzaa", eine Komposition über Texte von Ernst Jandl war eine überaus gelungene Arbeit.
Und wie finden Sarah Kane und das a.tonal.theater zusammen? Vier Figuren, kahlköpfig, schwarz gekleidet, stehen auf einer ordentlichen schwarzen Gassenbühne vor einer Operafolie, die im Laufe des Abends mehrfach die Farbe wechselt. Das sieht gut aus, (ein bißchen schaut Bob Wilson um die Ecke), das Lichtdesign setzt einen Standard, der in Köln kaum zu finden ist. Samples und Musikstücke treten in Interaktion mit den Schauspielern, mitunter blitzt sogar etwas Humor auf. Berückende Momente entstehen, wo Schweigen und slow motion Choreographie sich verbinden. Strenge Form trifft auf Depression und Schmerz, verweigert in der Regie die bloße Illustration des gesagten und gerät dadurch in kryptische Dimensionen. So weit, so schön und geheimnisvoll.
Doch leider erweisen sich die Schauspieler als das schwächste Glied in der Kette. Ihre Sprechhaltungen kommen kaum übers Mittelmaß hinaus, mitunter muß man die Artikulation sogar mangelhaft nennen. Text wird abgearbeitet. Da wird der "undramatische" Charakter des Abends sehr bewußt, wird auch nicht mehr durch eine nachvollziehbare Komposition auf der formalen Ebene eingeholt, mit anderen Worten: Die 75 Minuten Spielzeit werden lang. Das ist überaus schade, denn dieser Abend sieht ungemein gut aus und sollte deshalb trotz der Schwächen angesehen werden.
Sven Lange / 01. November 2002
Weitere Informationen unter:
www.atonaltheater.de
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