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Feuilleton


Staatsoper Hamburg, Vorstellung am 26.3.2006

A Midsummer Night’s Dream

Benjamin Britten


Bild: Staatsoper Hamburg



Ehrt eure englischen Meister!

Freilich startete „A Midsummer Night’s Dream“ 1961, ein Jahr nach der Uraufführung im britischen Bayreuth Aldeburgh, auf deutschen Bühnen mit enorm viel Licht: In Hamburg und Berlin schrieben Günther Rennert und Walter Felsenstein ihre Regie-Interpretationen dieser mit der Shakespearekomödie auf Augenhöhe sich bewegende, sie nicht kopierende Literaturoper gleich tief in die Theatergeschichte des 20. Jahrhunderts. Blickt man am Beginn des 21. einmal darauf, was Regietreibende aus den britischen Ex-Kolonien, Barry Kosky aus Australien und Simon Phillips aus Neuseeland in Bremen und nun in Hamburg dazu einfällt, nimmt sich der szenische Ertrag recht dürftig aus. Kennzeichnend ist eine auf Kurzschlüssigkeit, Belanglosigkeit und Herzlosigkeit fußende Zugriffsoptik. Beide, obgleich um musikalische Urteile wenig verlegen, erweisen sich gegenüber der ingeniösen Musik Brittens, der seit Grimes, Lucretia, Herring – vielleicht nicht zuletzt ob der ihn gerade klangsphärisch verzaubernden Südostasienreise einige Jahre zuvor – noch deutlich universalisierten „englishry“ als merkwürdig taub.


Bild: Staatsoper Hamburg


Etwas anders als bei Kosky (Das Problem von zur Selbstkritik unfähiger Selbstübermannung ist ja in der Fachkritik bereits klar formuliert worden.) liegen die Dinge indessen bei Phillips, mit dem Young bereits in Australien zusammenarbeitete. Seine Interpretation ist schief wie schmal: Kurzschlüssig die Liebenden, die ja lieben, also Entgrenzung, wollen, es nun aber nicht frei können, als ostamerikanische Mittelstandsspießer zu präsentieren. Die Not dieser Figuren wird trotz der ethnisch vielleicht sogar beabsichtigten Unequal-Konstellation, der farbigen Männer und der weißen Frauen, nie oberhalb vom Musical-Niveau abgehandelt. Belanglos erscheinen die subaltern gehaltenen „Rustics“: Eine Hobbitzunftbrüderschaft ohne Realangst. Lächelnd machend, nie mehr. Ähnlich belanglos nehmen sich die gerade gekämmten und an Drahtseilen durch den Raum geschleusten, müde-stuhlsitzenden Fairies in Schlafanzügen aus. Versprühen weder Schärfe noch Lebendigkeit. An Lebendigkeit fehlt es obendrein dem verzwisteten Elfenpaar Oberon und Tytania. Beide (löchrig: Alexander Plust und wohlig gesungen, aber nicht gesungen: die gesichtslose wie ausdrucksschwache Ha Young Lee) gefühlsarm, im Grunde herzlos, tendieren in ihrer Anlage deutlich in Richtung der stets ekelhaften „Akris“-Visage auf der Werberückseite der Programmhefte: Kälte als ewiges Markenzeichen falscher Herrschaft. So interessiert Phillips ganz anders als Britten an Oberon weit eher eine vermeintlich sadistische Seite als seine liebende oder seine milde. Tytania pflanzt er, wohlgemerkt die Frau und Feenkönigin, die aufbegehrt, und in der Oper zum eigentlichen Movens der Verwicklungen wird, stumpf in ein schwebendes Doppelbett. So kann Lee keinerlei Erotik aus einem grünfeuchten Feenreich hinüberretten gleichwie auch keinerlei seelischen Schmerz über das Schicksal von Mortals. Das einzige, was Britten wohl an der Mise en scène gefallen hätte, wäre der Puck von Simon Trinder gewesen: Liebevoll, wie er die Liebenden bettet, drahtig-markig, wie er sprachlich und kinetisch agiert, und einfach süß, wie er den „indischen“ Jungen in die Puckschule für Fabelwesen einführt.


Bild: Staatsoper Hamburg
Ansonsten zerfällt die Szene über weite Strecken in drei Bereiche ohne Gesamteindruck: In einen Hinteren, an dessen Wand die theatralische Wirkung vernichtende Videos von zerfließendem Äther bis zu dem Auge des Komponisten – dessen Herz man sich wohl mal genauer hätte ansehen sollen – projiziert werden, die sich den ständigen Taktwechseln als so hoffnungslos unterlegen zeigen, dass man mutmaßt, Phillips habe den einführenden Grundkurs in „How to make an opera?“ noch vor sich. Dann gibt es einen Mittelbereich, in den die Bühnen- und Kostümbildnerin Es Devlin alte Möbel aufgehängt hat, später dann Scherben, seitlich und hinten signieren Intensivstationfarbene Leuchtstreifen. Vorne darf dann gesungen werden, zeitweise, wie in dem Streitquartett auch mal gespielt. Der Theseuspalast erstrahlt schließlich in weißer Kolonialästhetik vom Stil Großbritanniens oder Rothenbaums. Und die Utopie besingen marschierende Knaben in grauer Schul- oder Militäruniform – versteh das, wer will.
Gesanglich blass bleiben neben dem Elfenpaar und dem Knabenchor (Jürgen Luhn) Nmon Ford als voluminöser, aber unsauberer Demetrius, Jesús Garcia als dunkel-timbrierter, etwas zu geistlos und unbeweglicher Lysander, Marina Cusi als unkonturierte Hermia. Überzeugen konnten Renate Spingler als leicht übergärige Hippolyta, Carsten Wittmoser als diszipliniert geführter Theseus. Daneben Miriam Gordon-Stewart als schlanke Helena, die das Versöhnungs-Quartett fein anführt, Daniel Sumegi als wohl wegen der Inszenierung etwas verharmlosender Bottom, Benjamin Hulett als Flute und vor allem im dritten Akt Tim Mirfin als bühnenmusizierender Quince. Als die eigentliche Tytania des Abends nahm Simone Young in dem barock hochgefahrenen Graben zwei Akte Anlauf, um dann im dritten zu zeigen, wie wichtig es ihr künftig um diesen Ausnahmekomponisten, den Orpheus Britannicus II, sein soll. Zwar sucht sie durchaus eine Bedrohungssphäre im Wald auf, schreckt aber (anders als bei ihrem Odenwaldbesuch) vor dem, was da kommen könnte, zurück. Überhaupt vermisst man ihre sonstigen Tugenden: Scharfe Akzentuierungen, rhythmische Verve wie eine Tiefenzauber vermittelnde Klangsprache. Youngs bislang unvollkommenste, vielleicht auch derzeitigem Großeinsatz geschuldete Leistung. Einfacher Applaus für alle, besonderer für das Orchester.


wolfgang hoops - red. / 4. April 2006
ID 00000002330
Benjamin Britten
A Midsummer Night's Dream

Oper in drei Akten (1960)


INSZENIERUNG: Simon Phillips
BÜHNENBILD UND KOSTÜME: Es Devlin
LICHT: Nicolas Schlieper

Aufführungen:
8. April 2006 19:30 - 22:30 Uhr - Online-Verkauf
12. April 2006 19:30 - 22:30 Uhr - Online-Verkauf
15. April 2006 19:30 - 22:30 Uhr - Online-Verkauf
18. April 2006 19:30 - 22:30 Uhr - Online-Verkauf
20. April 2006 19:30 - 22:30 Uhr - Online-Verkauf

Weitere Infos siehe auch: http://www.hamburgische-staatsoper.de/






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