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Theater der Keller, Köln

LUST

Ein Liederabend von Franz Wittenbrink

Im Takt der Klobürsten

Das Kölner Theater der Keller inszeniert die Musikrevue LUST von Franz Wittenbrink

Wie viele Theaterabende gibt es schon, bei denen das Wort „Sagrotan“ glockenhell gesungen durch den Raum schwebt und von der Erhabenheit des Putzens kündet? Kein Zweifel – das gibt es nur bei Franz Wittenbrink, dem Bilderstürmer des Musiktheaters, der mit seinen komisch-grotesken, dabei immer auch hintergründigen Liederabenden ein eigenes Bühnengenre geschaffen hat. Seine Revue LUST spielt dort, wo ein greller neuer Tag auf schummriges Rotlicht trifft – in einer Table Dance Bar am Morgen danach. Die Gäste sind gegangen, statt ihrer bevölkern die Mädels von der Putzkolonne das plüschige Etablissement. Und während sie schrubben und fegen, lassen sie sich von diesem Ort der Lust inspirieren: zu Liedern über ihre eigene Lust am Leben und am Träumen – von der Liebe und der Karriere, von Wodka und Mallorca.


THEATER DER KELLER, Kleingedankstr. 6, 50677 Köln


Schon in der Spielzeit 2004/2005 wählte eine Klasse der mit dem Theater verbundenen Schauspielschule eine Wittenbrink-Revue als Abschlussproduktion. Damals waren es die Sekretärinnen, die lustvoll und brüllend komisch über ihren Schreibmaschinen stöhnten und dabei von Männern träumten, die so ganz anders waren als der Graukittel aus der Poststelle. In diesem Jahr erblühen die Phantasien nicht zwischen Aktenordnern und Büropflanzen, sondern in einem Stundenhotel auf St. Pauli – vor rot-goldenen Vorhängen, auf geblümten Separee-Sofas und unter rauchigen Puff-Spiegeln an der Decke. Aber eben auch zwischen Eimern und Schrubbern und den Spermaresten auf dem Teppich. Sieben Putzfrauen sind es, die nach und nach die Bühne betreten, mit jeder Putzfrau ein Klischee: Da ist die Hamburger Kiezpflanze, deren blaues Auge vom eigenen Lover stammt, da ist die Russin mit Mafia-Connections, und da ist das junge Mädchen, das eigentlich nur mal was erleben wollte. Und dann gibt es noch Paul, den armen Poeten. Er trägt einen Dittsche-Bademantel, wohnt in der Bar und zitiert weltfremd Nietzsche und Shakespeare – wenn er nicht gerade melodiös sinnierend sein Glied betrachtet.
Was dieses singende Prekariat da abliefert, ist umwerfend. Nicht nur umwerfend witzig, sondern auch umwerfend engagiert und gekonnt. Ein bisschen Rührung mischt sich in den Theatergenuss, wenn man dabei zusieht, wie die jungen Akteure ihren Auftritt genießen als wäre es eine Kissenschlacht am Sonntagmorgen. Wie sie sich die Seele aus dem Leib singen, alles geben und dabei professionell bleiben bis in die Fingerspitzen und Mundwinkel. Wittenbrinks Revuen persiflieren die Technik des Musicals – eingängige Songs, punktgenau zugeschnitten auf die Gefühle der sie vortragenden Figur. Dabei wählt Wittenbrink Lieder, die jeder kennt: Schlager, Popsongs, Operettenmelodien – um mittendrin ihren Text ins Abstruse zu verändern und virtuos mit dem Kontrast zwischen poetischer Melodie und prosaischem Inhalt zu spielen. Dies auf der Bühne mitzuerleben macht einfach Spaß. Zu hören, wie die sieben Putzperlen in Kittelschürzen über grauenhaft billigen Plünnen zu Klavierbegleitung ihre Gummihandschuhe besingen – exzellent übrigens Joachim Jezewski als langhaariger Barpianist mit Basecap und Tattoos. Zu sehen, wie die Damen zu einem Schmachtfetzen wie Elvis‘ „Only you“ löchrige Unterwäsche verehren. Zu spüren, wie subtil Regisseur Herbert Wandschneider Stimmungen kreiert, die souverän zwischen derb-komisch und bittersüß changieren. Denn auch wenn hier vieles auf den ersten Blick nach Klamauk aussieht – dass es eben keiner ist, macht die Kunst dieser Inszenierung aus. Verdiente Standing Ovations nach der Premiere – es ist gut, mit einem solchen Abgesang die Schauspielschule zu verlassen. Auch und gerade weil es bei diesem Gesang um Sagrotan geht.
Infos und Aufführungstermine unter www.theater-der-keller.de


Holger Möhlmann - red / 9. November 2009
ID 00000004450
THEATER DER KELLER
Kleingedankstr. 6

50677 Köln

info@theater-der-keller.de

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-der-keller.de





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