"Wann kommt denn dein Schiff, Jenny?" - Ein Stück für Lotte Lenya
"Männer, ich genieße es von euch abhängig zu sein, aber ich bin eine freie Frau."
Ein selbstbewusstes Statement, wie man es von einer Marlene Dietrich erwartet hätte - aber der Satz stammt von Lotte Lenya, der "größten Sängerin aller Zeiten ohne Stimme".
Bauernschläue und Mutterwitz prägten ihren Lebensweg (1898 - 1981), der seltsam unstet und zugleich von erstaunlicher Geradlinigkeit war.
Der schweren Kindheit im Hause des alkoholsüchtigen Vaters, einem Wiener Fiakerkutscher, folgten "Lehrjahre" im Prostituierten-Milieu.
In Zürich versuchte sie sich noch mit ihrem bürgerlichen Namen Karoline Wilhelmine Charlotte Blamauer als Tänzerin und Schauspielerin. Als Solosängerin sprang die Künstlerin dann 1927 in letzter Sekunde in Bertolt Brechts "Mahagonny Songspiel" ein und rettete die Baden-Badener Premiere.
Bekanntlich tummeln sich in Brechts Musiktheater leichte Mädchen und schwere Jungs und so verwundert es nicht, dass sich die eigenwillige Darstellein mit ihrer künstlerischen Gestaltungskraft und sprödem Gesangsstil nachdrücklich für die Besetzungsliste der Dreigroschenoper empfahl.
In Berlin, mit der Bekanntschaft und schnellen Heirat mit dem Komponisten Kurt Weill, beginnt das wichtigste Kapitel im Leben der faszinierenden Persönlichkeit, das gleichzeitig die spannungsvolle Geschichte eines der interessantesten Paare der Musikgeschichte ist.
Dies alles und noch viel mehr erzählt die einfallsreiche und amüsante Inszenierung von Sven Lange. Das Portrait über das bewegte Leben einer bedeutenden Künstlerin ist somit nicht nur eine Hommage an Lotte Lenya, sondern fast schon eine unterhaltsame "Jahrhundert-Revue". Denn er lässt unter anderem das aufregend pulsierende Leben der Zwanziger und Dreißiger Jahre in den Kunst-Metropolen und die aufkommenden politischen Schatten und Spannungen gleichermaßen Revue passieren, wie den vergnüglichen anekdotenhaften Erzählfluss über die private Welt und persönliche Betrachtungen der Protagonistin.
Bereits im Titel führt der unterhaltsame Abend symbolträchtig das Schiff an - ein deutlicher Hinweis auf Lottes Lenyas persönliches Schicksal. Der rote Faden ist einleuchtend stimmig, denn man erfährt, dass die viermal verheiratete und Seitensprüngen nie abgeneigte Künstlerin, ihrem "Weilli" bis nach New York folgte, und dennoch keinen wirklich festen Hafen zu haben schien.
Die gelungene Musikauswahl bereichert das Konzept um einen wichtigen Aspekt, denn die Story wäre ohne die Querverweise auf das breit gefächerte Werk des Musiktheaterkomponisten Kurt Weill zwischen Oper, Operette, Song und Musical nicht denkbar. Die zuverlässige und unspektakuläre Klavierbegleitung von Christoph Schlimbach verdient in diesem Zusammenhang lobende Erwähnung.
Christina Vayhinger ist jedoch zweifelsohne die Attraktion auf der Bühne.
Die Darstellerin, die bereits in der preisgekrönten Kölner Inszenierung "Das hässliche Entlein" - ebenfalls einem Solo-Stück - glänzte, überzeugt erneut mit einer spielerischen Verwandlungsfähigkeit und Vielseitigkeit, die bemerkenswert ist. Erfrischend originell und quasi "mit links" entwickelt sie Dialoge mit dem zweimaligen Ehepartner Weill und beweist auch optisch, dass der berühmte Haifisch noch Zähne hat.
Christina Vayhinger nutzt alle Gelegenheiten, Facetten des Humors lustvoll auszuspielen und überzeugt sowohl mit leiser als auch mit rustikaler Komik.
Einfühlsam und mit der gebotenen diskreten Schwermut erfüllt sie die stillen Lebensmomente.
Der Ruf Lotte Lenyas als authentische Interpretin der Werke von Kurt Weill und Bert Brecht birgt Gefahren. Ähnlich der realen Figur handelt es sich bei der Darstellerin jedoch um eine Sängerin und Schauspielerin, die in der Lage ist, die Einzigartigkeit einer Künstlerpersönlichkeit in der Bühnenpräsentation glaubhaft zu beleben. So umschifft die Chanson-erprobte Vayhinger mit Bravour und mit viel Charme gefährliches Fahrwasser und versteht es, mit einer unvergleichlichen Art der Interpretation unterschiedlicher Songs und Liedern nachdrücklich auf sich aufmerksam machen.
Sie befindet sich damit nicht nur in bester Gesellschaft einer Vielzahl interessanter Weill-Interpreten, sondern steht vor allem in der besonderen Tradition jener großer Interpretinnen, die nicht mit klassischer Gesangstechnik brillieren, sondern dem von Weill und Lenya in den Zwanziger Jahren bevorzugten Ideal nahe kommen, indem sie in Hinblick auf Gesangsleistung und Ausdrucksermögen alle Register einer Schauspielerin ziehen.
Mit der hervorragenden Leistung empfiehlt sich Christina Vayhinger für den nächsten Lotte-Lenya-Gesangswettbewerb, welcher voraussichtlich im Rahmen des 11. Kurt Weill Festes in Dessau (28.2.-9.3.2003) zum 2. Mal stattfinden wird und Auftritte in Berlin folgen lässt.
Und unabhängig davon: Die Bühnenproduktion "Warum kommt denn dein Schiff, Jenny?" hat in jedem Fall das Format, um an größeren Häusern und in anderen Städten einer breiten
Öffentlichkeit präsentiert zu werden.
v. - red / 01. April 2002
Ein Stück für Lotte Lenya
Nach einer Idee von Johanna Sien
Premiere: 25.3.3003 im Theater im Hof, Köln
Regie: Sven Lange
Mit Christina Vayhinger
Piano: Christoph Schlimbach
Licht: Jan Hüwel
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