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Theaterkritik

Gotthold Ephraim Lessing: NATHAN DER WEISE (c.t. 201, Studiobühne, Köln)

Die freie Gruppe c.t. 201 hat Übung im Umgang mit großen deutschen Bühnenklassikern. Unter anderem Iphigenie auf Tauris, Amphytrion, sogar Faust 2 wurden von Regisseur und Leiter Dietmar Kobboldt auf ein überschaubares und sinnfälliges Maß zurechtgestutzt.
Diesmal also die komplexe Geschichte rund um den Juden Nathan, den christlichen Tempelritter, und den Muselmanen Saladin. Am Ende zeigt sich, Nathans Tochter ist die Schwester des Christen, der selbst ein Sohn des Bruders des Saladin ist. Niemand ist, was er scheint, und dann doch ein Mensch zuerst und nicht ein Jude, Christ, Mohammedaner.

Auf diese Grundidee reduziert c.t. 201 das Stück. Alle drei Schauspieler spielen abwechselnd alle Rollen, machen ihre Figuren durch kleine Gesten erkennbar und können so beliebig tauschen. Das ist oft witzig und erstellt eine humoristische Fallhöhe. Wo der Originaltext arg lang war, wird frech gekürzt und mit wenigen Gesten eine ganze Szene erzählt. Wenn die Handlung dann sehr komplex wird, tritt ein Schauspieler vor, erklärt den Verlauf, und so kommt der Zuschauer in zügigen neunzig Minuten durch den ganzen Nathan, ohne das Gefühl haben zu müssen, etwas verpasst zu haben.

Aber die Gruppe begnügt sich nicht damit, einen Klassiker flott und witzig durchzuspielen, die genannte Fallhöhe offenbart eine Tiefe des Dramas, die uns vielleicht zu oft schon als humanistische Selbstverständlichkeit entgegen gekommen ist. Wenn dann dreimal hintereinander der Mord an Nathans Familie erzählt wird, die Schauspieler aber den Namen der Täter aussparen und stattdessen eine bedeutungsvolle Pause lassen, dann ist nicht nur der Holocaust präsent, nein, jede Art von menschlicher Grausamkeit, Krieg und Hass wird als omnipräsente Gefahr deutlich. Da wird das "Toleranz-Stück" zu einem Stück über Menschlichkeit an sich.

In einem wunderschönen Schlußbild wird die Märchenhaftigkeit des Stücks offenbar und eingestanden. Ein wirkungsvoller Schlußpunkt am Ende einer intelligenten Inszenierung, die von drei gut auf einander eingespielten Schauspielern und einer Pianistin stets in Bewegung gehalten wird.

Sven Lange / 14.02.2001
Regie: Dietmar Kobboldt
Licht: Boris G. Knoblach
Musik: Barbara Gescher
Kostüme: Cora Fuß
mit: Heiderun Grote, Tomasso Tessitori, Sunga Weineck

Aufführungsdauer: 90 Minuten, ohne Pause

Studiobühne Köln, Universitätsstraße 16 a, 50937 Köln, Tel.: 0221-4704513
www.studiobuene-koeln.de
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