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Feuilleton


Hamburger Staatsoper, Premiere am 5.11.2006

Giacomo Puccini
La Bohème





Danke, wir haben schon Zärtlicheres gehört.
Premiere „La Bohème“ an der Staatsoper Hamburg

Was ist eigentlich ein Bohemien? Ist Guy Joosten einer? Will er einer sein? Schaffte er die Aufnahmeprüfung in diese arme aber durchaus elitäre commune? Denkt man daran wie schwierig die bei Murger in dem Kapitel über Barbemuche angesetzt wird („Verstehen sie etwas von Musik?“), muss man sagen: Wohl kaum. Deshalb hat er das Bohème-Niveau etwas abgesenkt. Auf gar keins. Männer, die nichts weiter wollen, außer Trinken und Frauen. Arme Kunst ist das nicht, eher Kunstarmut. Diese Männer frieren auch, aber sie haben keine wärmenden Ideen mehr. Wahrlich eine Zumutung, dass sie mit Puccinis Musik konfrontiert werden. Was für ein Missverständnis. Denn die meint ja Jünglinge, die sich entwerfen in Richtung eines Glücks, das real unabgegolten ist, bis heute. Tatsächlich und überraschend begegnet es ihnen aber in persona, wird gar Teil ihres Daseins. Und es erfriert wie die Gefühle gegenüber der entfremdeten Warenwelt quasi vor ihren Augen. Diese fragile Zartheitsfee, Mimi. Gleicht sie nicht körperlich dem Wasserzeichen im Geldschein? Nur eben nicht ihre Seele. Sie ist die Auflehnung gegen eine problematisch gewordene Form von Subjektivität. Aber auf dem Darstellungs-Niveau, wo Joosten das ganze ansiedelt, ist da immer schon Hopfen und wohl auch Malz verloren. Es entsteht kein seelischer Unterschied zur Wirklichkeit. Und der wäre so wichtig gewesen. Eben weil es sich hier um eine „die Selbstaussprache im Gefühl jeder Wirklichkeit enthobene Kunstprojektion“ (Schreiber) handelt. Die eines Hoffnungs-Kollektivs. So gibt’s gar keine, auch gar kein Grund dafür.
Der Kritik machen es Regietreibende wie Joosten immer ziemlich leicht: Denn wie bereits opernerfahrene Besucher in der Pause problemlos eine „unzusammenhängende Rumzappelei“ bemerken, also den mit der Musik sich nur lose herstellenden Zusammenhang der Darstellung, so besteht dieses handwerkliche Defizit – die blinde Verkennung der artifiziellen Wirklichkeitsebene des Musiktheaters – doch fast durchgehend bis auf einige wenige Passagen im zweiten, dritten und vierten Bild. Gemeint sind die anderen, in denen der achtreihige Chor nicht einfach, einmal vorwärts, einmal rückwärts vom linken Fuß auf den rechten tritt. Es wäre also beinahe das alte bekannte Missverhältnis im derzeitigen Musiktheaterbetrieb geworden: Graben hui, Bühne pfui. Aber an diesem Abend lagen auch die musikalischen Leistungen im Graben und auf der Bühne in einer für die Staatsoper der jungen Ära Young beklemmenden Weise danieder: Nicht im spieltechnischen, aber im interpretatorischen. Eine derart manieristische Tempogestaltung, so dass sich die Bohème, könnte sie denn singen, gar nicht adäquat einführen kann, hat man wohl noch nie zu hören bekommen. Die Motive kommen entweder kurzatmig oder allzu leblos blank poliert, noch weitaus schlimmer, weil willkürlicher, als auf alten Rudolf Schock-Platten unter Wilhelm Schüchter. Mal erheischt Ossonce auch einfach nur sehr äußerlich Dramatik, ohne sie von innen her zu entwickeln. Schließlich geht aber gerade sie im verschleppten Gebet Musettas vollkommen verloren, und am absoluten Endpunkt meint man, Ossonce suche hier jetzt noch etwas nach einer unendlichen Melodie. Bereits als die nassforsche Blaskapelle am Schluss des zweiten Bildes auf und wieder abtrat, wünschte man, sie führte Ossonce einfach mit hinaus - zu einem kurzen Spaziergang Richtung Wilseder Berg.
Der Gesang ist wechselhaft bis wolkig: John Matz als Rodolfo ist eine Fehlbesetzung. Man ist froh als Alexia Voulgaridou ihn im ersten Duett erlöst und ohne lange zu warten mit ihrem von der Tiefe bis in die Höhen mühelos agierenden Sopran hochentzückt einsteigt. Sie verzichtet nicht auf pseudoveristische Einlagen und ihre Aussprache von Marcello wirkt durch den übermäßigen Einsatz von Gesangs-Neurotizismen zu aufgesetzt. Liegt somit etwas quer zu ihrer vorzüglichen Rollengestaltung, an die man sich als letztes noch klammert. George Petean gibt einen anständigen Marcello, Moritz Gogg einen wenig verständlichen Schaunard. Eine Entdeckung immerhin: Alexander Tsymbalyuk (Colline) wünschte man künftig vermehrt Einsätze in mittleren bis großen Partien. Nicht allein wegen seines voluminösen Bass, der auch trägt, wenn er leise kommt. Nein, auch wegen seiner intelligenten szenischen Präsenz. Als Musetta nimmt man Irena Bespalovaite die von Joosten noch etwas zugespitzte aufreizende Darstellung weitaus weniger ab als ihren leichtflotten Zirz-Gesang.
Die durchweg wunderbaren Leistungen des Abends bildeten Johannes Leiacker und Jorge Jara: Was wirklich gut war, wie der Übergang vom dritten zum vierten Bild, verdankt die Regie den Bühnenbildern und Kostümen, aus denen erfahrene Geschichten von Nachtwanderungen in der Stadt zu sprechen scheinen. Sie geben eine Idee davon, dass das, was uns bis heute so wundert an den Kunstwerken aus der späten Belle époque, wie der Bohème, das konkrete Dasein ist, dem sie sich aus Willen um Schönheit abzuringen vermochten. Wo ist nur dies Ringen heute? Wo ist die Hamburger Dramaturgie?


Wolfgang Hoops - red (hamburg) / 7. November 2006
ID 2781
Giacomo Puccini
La Bohème

INSZENIERUNG:Guy Joosten
BÜHNENBILD: Johannes Leiacker
KOSTÜME: Jorge Jara
LICHT: Davy Cunningham

Nächste Vorstellungen: 8. November 2006, 11. November 2006, 15. November 2006, 18. November 2006, 21. November 2006, 24. November 2006, 16. Dezember 2006, 19. Dezember, 22. Dezember 2006, 3. März 2007, 10. März 2007, 29. April 2007.

Kartentelefon: Tel. 040 / 35 68 68

Weitere Infos siehe auch: http://www.hamburgische-staatsoper.de





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