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Theaterkritik

Jerusalem Syndrom

Sommer Ulrickson & Ensemble
Sophiensaele, Berlin


Immer wieder haben christliche Pilger in Jerusalem plötzliche Eingebungen, Erscheinungen oder gar die Wahnvorstellung, mit Gott in Verbindung getreten zu sein oder gar die Wiedergeburt eines Heiligen, wenn nicht gar Jesus selbst zu sein. Das nennt man das Jerusalem Syndrom und in der Pressemappe gibt ein kluger Artikel eines ungenannten Autors ausführlich Auskunft über dieses Phänomen und damit in Zusammenhang Stehendes.

Auf der Bühne finden sich eher assoziativ an das Thema anlehnende Szenen und Choreographien. Die ganze Bandbreite des zeitgenössischen Tanztheaters wird vorgeführt: das ekstatische Solo, das energetische Duett, die elegischen Trios und die rhythmische Gruppe, weiterhin Videoprojektionen, autobiographische Einschübe, nackte Haut, witzige, Sketchen ähnliche Szenen, Musik aus aller Herren Länder. Die Tänzer sind so virtuos wie Energie geladen, schonen weder sich noch das Publikum, mit dem sie immer wieder auch in persönlichen Kontakt treten. Das Publikum aber sitzt auf einer dreiseitigen Pyramide in der Mitte des Raumes und hat bestenfalls Einsicht auf zwei von drei ununterbrochen bearbeiteten Spielebenen. Das hat zur Folge, dass es dem Zuschauer schwer fällt, sich auf das Geschehen zu konzentrieren, das direkt vor ihm stattfindet. Eine ruhige kraftvolle Choreographie wird durch die witzige Szene nebenan in ihrer Wirkung stark beeinträchtigt und außerdem passiert auf der dritten Ebene auch noch etwas, von dem nur akustische Fetzen herüber dringen.

Wenn schon die Szenen, so gelungen sie im Einzelnen sein mögen, nur noch vage mit dem vorgegebenen Thema zusammen hängen, so ist die Form der Präsentation meilenweit davon entfernt und letztlich nur ein Ärgernis. Zwar rotieren einige der Szenen, aber eben nicht alle und es bleibt immer der Verdacht, man habe das beste verpasst und das zweitbeste eben nicht wahrgenommen, da man seine Wahrnehmung nie darauf konzentriert gehalten hat. So zerstört das Raumkonzept einen wahrscheinlich guten Tanztheaterabend.

Sven Lange / 28. Juli 2003

Aufführungsdauer: ca 80 min.

Mit: Florian Bilbao, Anna-Luise Recke, Jörg Schiebe, Yael Schnell, Zufit Simon, Marko E. Weigert; Choreographie: Sommer Ulrickson und Ensemble; Raum: Alexander Polzin; Kostüm: Katarina Montag; Musik: Moritz von Gagern; Video: Christopher Kondek; Licht: Benjamin Schälike.

www.sophiensaele.com

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