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Oper Köln, 18. Mai 2007

Jenufa

von Leoš Janáèek


Hans-Georg Priese, Orla Boylan | © Klaus Lefebvre, www.theaterphotos.de

Wie oftmals in der Oper beginnt auch dieser Abend mit einer scheinbaren Idylle: Jenufa und ihre Großmutter bereiten das Essen vor, Wäsche wird gewaschen und aufgehängt, ein Junge angelt. Hinten am Horizont türmen sich weiße Quellwolken vor blauem Himmel, der sich im Laufe des Aktes allerdings – der Handlung gemäß – in eine Gewitterlandschaft verwandelt. Am Ende blickt man dann auf einen purpurnen Sonnenuntergang, in den Laca und Jenufa Hand in Hand schreiten. So kitschig und klischeehaft, wie es hier klingt, mag an manchen Stellen das Bühnenbild sein, die Personenführung ist es nicht.


Orla Boylan, Ray M. Wade jr. | © Klaus Lefebvre, www.theaterphotos.de


Katharina Thalbach nimmt sich nach Salome an der Kölner Oper zum zweiten Mal eines Frauenschicksals an. Sie hat sich entschieden, die Geschichte zu erzählen, ohne große Sperenzien oder interpretatorische Fallstricke, und sich dabei auf die Figuren und ihre Zwänge, Wünsche, Hoffnungen und Unzulänglichkeiten konzentriert. Diese Konzentration auf die Geschichte und Figurenschicksal geht auf, nicht zuletzt, weil ihr gute Darsteller zur Seite stehen. Hans-Georg Prieses Števa beispielsweise ist ein sympathischer großer Kerl, allerdings auch ein hoffnungslos rückgratloser Trinker. Für jede potenzielle Ehefrau eher ein zusätzliches Kind als ein starker Mann zum Anlehnen. Als die Küsterin, Jenufas Stiefmutter, ihn im zweiten Akt damit konfrontiert, Jenufas Kind anzusehen, dessen Vater er ist, versucht er, sich mit Geld zu behelfen, nur um schließlich in eine andere, lukrativere Beziehung zu flüchten. In Thalbachs Inszenierung wirkt Števa weniger berechnend oder böse als von der Situation überfordert. Dagegen fällt die Darstellung von Laca, Števas Konkurrent um die Liebe Jenufas, ein wenig ab. Ray M. Wade jr. weiß zwar stimmlich zu überzeugen, in seiner Darstellung kommt er aber nicht über einen gutmütigen tapsigen Bär hinaus.


Hans-Georg Priese, Orla Boylan | © Klaus Lefebvre, www.theaterphotos.


Der Abend nimmt mit der Zuspitzung des Konflikts in Akt zwei und drei, zwischen denen es an der Kölner Oper Pausen gibt, deutlich Fahrt auf. Das liegt vor allem daran, weil sich hier alles um die Küsterin und Jenufa dreht. Dalia Schaechters Küsterin ist eine verhärmte alte Frau, die stets etwas gekrümmt geht. Schaechter verkörpert diese Figur, mit deren Darstellung der Abend steht und fällt, mit einer unglaublichen stimmlichen und szenischen Präsenz. Auch die Küsterin ist bei Thalbach nicht eindimensional böse, vielmehr wird deutlich, dass sie nach Števas Ablehnung, das Kind anzusehen, keinen anderen Weg sieht, als es umzubringen, damit ihre Stieftochter eine Zukunft hat. Nach der Tat leidet sie an ihrem Gewissen, ist nicht mehr Herrin ihrer Sinne. Mit der zunehmenden Schwäche der Küsterin gewinnt die Figur der Jenufa, die Orla Boyan ebenfalls sehr überzeugend spielt und singt, Profil und Stärke. Diese zeigt sich vor allem, nachdem sie von der Tat ihrer Stiefmutter erfahren hat und diese mit den Worten „Der Erlöser schaut auch auf dich“ tröstet.
Nett ist, dass Thalbach neben dem großen Handlungsbogen auch kleine Geschichten erzählt: Da gibt es im ersten Akt einen Junge, der beim Angeln ins Wasser fällt. Im dritten Akt inspiziert die Richtersgattin begeistert die Aussteuer, nachdem sie sich zuvor mit ihrem Etepetete- und Besserwisser-Gehabe, das die Küsterin mimisch karikiert, darüber ausgelassen hatte, dass Jenufa in Schwarz heiratet, wie die besseren Leute es zu tun pflegen. Und Števas Verlobte stürmt mit einer unglaublichen Überdrehtheit und übertriebenen Freundlichkeit die Bühne. Diese Kleinigkeiten sorgen dafür, dass der Abend trotz der tragischen Ereignisse um Jenufa, ihre Stiefmutter und das Kind, nicht ins Düstere kippt, auch wenn es gelegentlich sehr beklemmend wird. Aber Thalbach kann auch anders: Nachdem die Küsterin gestanden hat, Jenufa und Števa Kind ermordet zu haben, und abgeht, randaliert das Dorfvolk, will die Mörderin steinigen und zerstört nebenbei ein Großteil der Aussteuer, bevor Jenufa und Laca allein zurückbleiben.
Am Ende steht zumindest für Jenufa ein glückliches Ende. Das Eis taut, der Frühling zieht und ein neuer Lebensabschnitt beginnt, an der Seite von Laca.


Karoline Bendig - red / 18. Mai 2007
ID 3231
Jenufa
Leoš Janáèek

Oper in drei Akten

Text vom Komponisten nach einer Erzählung von Gabriela Preissová
In tschechischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung: Markus Stenz / Enrico Delamboye (am Abend der besuchten Vorstellung)
Inszenierung: Katharina Thalbach
Bühne: Momme Röhrbein
Kostüme: Angelika Rieck
Licht: Hans Toelstede
Chor: Andrew Ollivant

Die alte Byria: Yvonne Skvarova
Laca Klemen: Ray M. Wade jr.
Števa Buryja: Hans-Georg Priese
Die Küsterin Byrja: Dalia Schaechter
Jenufa, ihre Stieftochter: Orla Boylan
Altgesell: Adrian Fisher
Dorfrichter: Timm de Jong
Seine Frau: Andrea Andonian
Karolka: Ausrine Stundyte / Katharina Leyhe (am Abend der besuchten Vorstellung)
Eine Magd: Alexandra Thomas
Barena: Anita Watson
Jano: Petra Baráthová

Premiere am 28.04.2007, weitere Termine am 18., 20.05, Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit.

Weitere Infos siehe auch: http://www.buehnenkoeln.de/buehnenlite/operlite/index.htm





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